Magick
Sexualmagick
Sexualmagie - allgemeine Bemerkungen
Sexualmagie - allgemeine Bemerkungen

Es ist in den letzten Jahren vor allem in der Esoterik Mode geworden, Abhandlungen zu einer bestimmten Disziplin der Geheimlehren mit den Worten zu beginnen: "Die Geschichte der Lehre x ist so alt wie die Menschheit selbst." Das soll nicht heißen, daß solche Aussagen immer falsch sind, doch nützt es dem Leser wenig, wenn ihm eine Kontinuität der Tradition vorgegaukelt wird, die sich in Wirklichkeit nicht nachweisen läßt. Die Geschichte der Sexualmagie bildet dabei keine Ausnahme: Es gilt als sicher, daß es bereits in der Vorzeit sexualmagische Kulte und Praktiken gegeben hat, von denen wir freilich wenig Gesichertes wissen. Sehr wahrscheinlich waren diese Kulte dem ähnlich, was wir noch heute in schamanischen Gesellschaften etwa im Amazonasbecken, auf Papua Neuguinea oder in manchen Teilen der Arktis und des inneren Asiens beobachten können. Die schamanischen Fruchtbarkeitskulte der Frühgeschichte bedienten sich häufig stark sexualisierter Figuren und Gestalten, man denke etwa an die steinzeitlichen Frauengestalten mit ihren üppigen Brüsten und Gesäßkonturen, an sakrale Darstellungen
von Vagina und Penis usw. Im alten Sumer rankten sich die Sexualkulte vor allem um die Verehrung der Mondgöttin Ishtar (Astarte), und die Chaldäer pflegten eine
hochentwickelte Tempelprostitution, die zumindest in ihren Anfängen rein sakrale und magische Züge gehabt haben dürfte. Im alten Ägypten gab es unter anderem den Isis - Kult und die Phallusverehrung, während Indien und Tibet Tantrismus und Kundalini - Yoga entwickelten und im alten China die Innere Alchemie des Taoismus (auch "taoistischer Tantra" genannt) vor allem in höfischen Kreisen kultiviert wurde. Im Griechenland Platos wurde der Eros geheiligt, freilich überwiegend der männliche, doch kannten etwa die Demeter - Mysterien auch eine starke Betonung des weiblichen Elements. Das Judentum entwickelte in manchen Zweigen der esoterischen Kabbala sexualmagisches und - mystisches Gedankengut, und es kannte auch einige Sekten, etwa die Sabbatianer, die derlei Lehren in die Praxis umsetzten und pflegten. Die späthellenischen Gnostiker, die sich überwiegend mit Judentum und Christentum auseinandersetzten, hatten ihre ausschweifenden Sekten und Sexualkulte (etwa die Ophiten und Simonianer und überhaupt die gesamte "Barbelo" - oder Sperma - Gnostik"), die sich auch eingehend mit der Sexualmagie, wie wir sie heute verstheen, beschäftigten. Auch Weltreligionen wie das Christentum und der Islam wiesen gewisse sexualmystische und - magische Züge auf, man denke etwa an den mittelalterlichen Minnekult oder an manche esoterische Sekte innerhalb des Sufismus. Weitgehend unabhängig davon, gelegentlich mit ihnen aber auch Verbindungen eingehend, pflegten bis tief ins Mittelalter des Christentums hinein Anhänger heidnischer Religionen sexualmagische Fruchtbarkeitsriten und - beschwörungen. Dieser Spät - oder Neuschamanismus hat nach dem Zweiten Weltkrieg eine Wiederbelebung durch den von England ausgehenden Wicca - oder Hexenkult erfahren, der zumindest in seinem höheren Einweihungsgrad (dem sogenannten "Großen Ritus") sexualmagisch und - mystisch geprägt ist. Der berühmt - berüchtigte Templerorden wurde bei seiner Zerschlagung sexualmagischer Praktiken bezichtigt, doch gab es auch noch andere Richtungen und Sekten innerhalb des mittelalterlichen Christentums, wie etwa die "Brüder vom freien Geist" (Begarden, Ortlibianer), die mit derlei Gedankengut wohlvertraut waren. Generell läßt sich allerdings sagen, daß im Christentum die Sexualmagie und - mystik weitgehend sublimiert, also "entschärft" wurde, sei es nun innerhalb der bereits erwähnten Hohen Minne, der allgemeinen Mystik bis zum späteren Pietismus, oder auch in der Alchemie. Eine Entwicklung übrigens, für die wir auch in Indien, Tibet und China interessante Parallelen finden, ebenfalls im chassidischen Judentum. Es nimmt nicht weiter wunder, daß die Urkraft Sexualität schon seit jeher das Interesse der Menschheit auf sich gelenkt hat. Sie wurde gefürchtet und verehrt, angebetet und verteufelt, gepflegt und unterdrückt - offen und geheim, drastisch und milde, und imgrunde verfahren wir heutzutage mit ihr nicht viel anders als unsere Vorfahren vor Tausenden von Jahren. Trotz aller Sexualforschung ist die Sexualität für uns ein Mysterium geblieben, ein Buch mit sieben Siegeln, faszinierend und erschreckend zugleich.
Mehr Infos zum Thema auch im Magickal Observer Nr. 03/2007

Themen im Heft 03/07: Sexualität und Magie
Let your body work – Informationen zur Sexualmagie.
Hitlers Sexualmagie - Eine Betrachtung.
Spirisexualität - Interview & Gedankengänge
The Passion of Life – Filmrezension
http://www.magickal-observer.de/tmo_0307.html
Sexualmagie ist eine geistige Technik der Magie, in der die Sexualität dazu benutzt wird, ein gewünschtes Ziel zu erreichen. Dies kann sowohl einen konkreten Bezug haben, beispielsweise eine erwünschte Veränderung im Leben, oder die Ladung eines Talismanes oder einer Sigil, als auch rein geistig sein, beispielsweise die Vereinigung mit einer geistigen oder psychischen Entität oder die Hervorrufung einer Art von Todeserlebnis durch sexuell-physische Erschöpfung zum Zwecke der geistigen Transformation und Bewusstseinserweiterung. Hier läßt sich Sexualmagie nicht von der Sexualmystik abgrenzen, die eine konkrete Ausformung und Verwirklichung kosmologischer und spiritueller Ideen ist, wobei beide Bereiche praktisch ineinander übergehen und die Techniken der Sexualmagie auch zu rein mystischen Zwecken genutzt werden können. Die Techniken der Sexualmagie oder ihre rituelle Ausformung traten in unterschiedlichen Kulturen auf, so in China, wo sie seit der vorchristlichen Zeit nachzuweisen sind und wahrscheinlich bis auf die schamanistischen Praktiken der Shang-Zeit zurückgehen. In Indien entwickelte sich das Tantra bzw. Tantrayana, welches teilweise sexualmagische Techniken beinhaltet. Die westliche Sexualmagie wurde historisch fassbar mit der Gründung des OTO (Ordo Templi Orientis) durch Theodor Reuß im Jahre 1906, und in der westlichen Kultur wurde die Sexualmagie hauptsächlich von Aleister Crowley, einem britischen Magier und Okkultismusforscher,Mitglied des OTO, Anfang des 20.Jh erforscht, systematisiert, popularisiert und wiederbelebt. Die Abgrenzung der westlichen Sexualmagie zum indischen Tantra und der chinesischen Variante, ‚der Kunst des Schlafgemaches’, besteht darin, daß sich die westliche Sexualmagie als magische Technik versteht und nicht zwangsläufig in einen religiösen oder spirituellen Zusammenhang eingebettet ist. Das heißt, sie ist primär ein Mittel, um Veränderungen in Übereinstimmung mit dem Willen herbeizuführen, diese Veränderungen können sich aber natürlich auch auf die Spiritualität beziehen. Der Unterschied zu den westlichen Vorstellungen vom Tantra, dem eher therapeutischen Neotantra ist, daß die Sexualmagie nicht das Ziel hat, die Qualität des sexuellen Erlebens zu verbessern, sondern die Sexualität als Energiequelle nutzt, um Ziele zu verwirklichen.
Die Sexualmagie arbeitet mit Techniken, die sich auf zwei Ebenen beziehen, die eine ist physisch-sexueller Art, die andere geistiger bzw. konzentrativer Art.
Auf der geistigen Ebene wird zunächst ein Ziel definiert. Dieses wird sodann in eine Form gebracht, die als Konzentrationsobjekt dient. Dies kann beispielsweise ein Mantra bzw. eine Affirmation sein oder eine Visualisation oder Imagination. Das Ziel oder Konzentrationsobjekt wird so genau wie möglich konkretisiert und kann auch auf mehreren Ebenen gleichzeitig verwirklicht werden. Die Sexualmagie erfordert, wie jede Magie, die Praxis von Wille,Imagination und gnostischer Trance, einer Definition der Magie, die der Chaosmagie entstammt. Gnostische Trance wird in zwei Kategorien unterteilt, die Dämpfungs- und die Erregungstrance. Beide werden in der Sexualmagie einegesetzt und sie unterscheiden sich von der Volltrance, wie sie durch Hypnose oder Drogen entstehen kann dadruch, daß der Magier während der Praxis durch Wille und Konzentration die volle Kontrolle behält. Die Praxis der Dämpfungstrance beruhigt den Geist, bis nur noch ein einziges Konzentrationobjekt übrigbleibt, während die Erregungstrance durch Techniken der Erzeugung von großer Erregung wie Tanzen, Trommeln, Gefühlen wie Furcht, Wut, Hass, Entsetzen und Ekel, Feueratem bzw. Hyperventilation und sexueller Erregung herbeigeführt wird. Die Dämpfungstrance kann durch Techniken der Meditation, Konzentration, Schlafentzug, Erschöpfung, Reizentzug und Gedankenleere herbeigeführt werden. Die Konzentration auf das Objekt (Ziel) wird während des gesamten Sexualaktes oder der rituellen Ausformung des Sexualaktes aufrechterhalten und geht über den oder die Orgasmen hinaus bis in den Bereich der Entspannungsphase. Durch die Willensanstrengung die dazu erfordelich ist, soll eine starke , einsgerichtete Konzentration erzeugt werden. Um das Konzentrationsobjekt mit einer höchstmöglichen Form von Energie aufzuladen, werden die physischen Techniken der Sexualmagie eingesetzt. Diese bestehen aus einer Form von Erzeugung höchstmöglicher Erregung, wozu zum einen der Sexualakt solange wie möglich ausgedehnt wird, sei es durch langanhaltende Orgasmusvermeidung oder durch das Gegenteil, die Erzeugung vieler Orgasmen hintereinander. Die Orgasmusformen, die herbeigeführt werden können und benutzt werden, sind der hinlänglich bekannte Genitalorgasmus und der Ganzkörper- oder Talorgasmus. Der Ganzkörperorgasmus unterscheidet sich vom normalen Orgasmus durch eine Intensivierung des Empfindens, dass sich auf den ganzen Körper ausdehnt, die längere Dauer und beim Mann durch das Fehlen oder Verzögerung der Ejakulation. Der Ganzkörperorgasmus stellt eine Form der Ekstase dar und wird oft erzeugt, um magische Arbeiten mit dem Ziel der Bewusstseinserweiterung durchzuführen. Crowley führte den Begriff eroto-komatose Luzidität ein, welche eine durch Sexualität herbeigeführte starke magische bzw. gnostische Trance ist. Sie kann durch übermäßige sexuelle Betätigung und Überreizung herbeigeführt werden. Zum anderen können auch stimulierende und psycho-physische Energie erzeugende Mittel wie Tabubruch (im Sinne ungewöhnlicher Sexualpraktiken), Ritualmagie, Musik und Drogen eingesetzt werden. Zur physischen Ebene der Sexualmagie gehören auch Techniken der Verbesserung der Wahrnehmung, Erzeugung und Steuerung von psychophysischer Energie, die als Gedankenkontrolle, Konzentration, Visualisation und Imagination, Atemübungen (Pranayama) und Meditation praktiziert werden können. Sexualmagie kann sowohl autoerotisch als auch hetero- oder homoerotisch praktiziert werden. Der Vorwurf, dem die Sexualmagie immer wieder ausgesetzt ist, ist der der Perversion, da oft auch Dinge praktiziert werden, die dem 'sexuellen Normalverbraucher' als anrüchig, beunruhigend, ekelerregend oder bizarr erscheinen können. Solche pervers anmutenden Praktiken sind beispielsweise die bewussten Tabubrüche, in denen der Magier oder die Magierin absichtlich Formen von Sexualität ausübt, die als unangenehm, angstbesetzt, ekelerregend oder schmerzvoll erlebt werden. Diese Tabubrüche sind jedoch nicht zwingend erforderlich zur Praxis der Sexualmagie, da es jedem freisteht, selbst zu entscheiden, was er oder sie will und man kann diese Form der Magie auch ausüben, wenn man sie nicht noch absichtlich schwieriger macht, als sie ohnehin schon ist.
Zitat aus: Frater V.:D.: Handbuch der Sexualmagie. ISBN 3-922992-02-1



