Philosophie
Willensethik
Teil 8: There is no law beyond Do what thou wilt
Teil 8: There is no law beyond Do what thou wilt
Willensethik - Teil 8: There is no law beyond Do what thou wilt
Hier sind wir nun an der Schnitt- bzw. Anschlußstelle zwischen der westlichen Philsophie und Thelema nach Aleister Crowley angekommen. Zur Verdeutlichung seien die bisherigen, zentralen Aussagen, an die der weitere Diskurs direkt anschließt in einer Übersicht zusammengefaßt.
Die erste Grundbedingung menschlicher Existenz ist der Komplex von Natalität und Mortalität, nämlich dass der Mensch durch die Geburt physisch zur Welt kommt und durch den Tod physisch aus ihr wieder verschwindet. Das Handeln ist dabei eng an die Natalität gebunden.
Die zweite Grundbedingung menschlicher Existenz ist die Pluralität in Gestalt der Tatsache, dass Leben inter homines esse - unter Menschen weilen - bedeutet.
Die Pluralität beschreibt zugleich die solitäre Eigenschaft menschlicher Existenz, in der zwar alle Menschen das gleiche, nämlich Menschen, sind, aber nie dasselbe, weil keiner dieser Menschen mit einem anderen identisch ist, der einmal gelebt hat, gerade lebt oder leben wird.
Der Wille ist offensichtlich unser geistiges Organ für die Zukunft - so, wie das Gedächtnis für die Vergangenheit ist.
Ich unterscheide, hierin Duns Scotus folgend - zwischen dem natürlichen Willen (ut natura), der den natürlichen Neigungen folgt und sich von der Vernunft wie auch von den Begierden leiten lassen kann, und dem freien Willen (ut libera) im eigentlichen Sinne.
Der natürliche Wille hat lediglich die Wirkung des Passenden und Zweckmäßigen. Hätte der Mensch nur diesen natürlichen Willen, so wäre er bestenfalls ein bonum animal, eine Art intelligentes Naturwesens dessen ganze Intelligenz nur dazu beitragen würde, passende Mittel für Zwecke auszuwählen, die durch die menschliche Natur gegeben wären. Ich nenne den natürlichen Willen der Anschaulichkeit halber auch Belieben und/oder Begehren.
Der freie Wille entwirft im Unterschied natürlichen Willen in Freiheit Ziele, die um ihrer selbst willen angestrebt werden, und zu letzterem ist nur der Wille fähig.
Ein Wille, der nicht frei ist, wäre ein Widerspruch in sich selbst - es sei denn, man verstünde das Vermögen des Wollens als bloßes untergeordnetes Ausführungsorgan für das, was Begehren oder Vernunft sich vorgesetzt haben.
Der Prüfstein einer freien Handlung ist immer das Wissen, dass man die entsprechende Handlung auch hätte unterlassen können. Dem Willen kommt somit eine signifikant größere Freiheit zu als dem Denken.
Dem freien Willen ist es einerseits möglich, das Diktat der Vernunft nicht anzuerkennen und andererseits starken natürlichen Begierden zu widerstehen. In der Möglichkeit des Widerstands gegen die Begierden einerseits und gegen das Diktat des Verstandes und der Vernunft andererseits entsteht nach Duns Scotus menschliche Freiheit.
Die Autonomie des Willens durch seine solcherart beschriebene Unabhängigkeit von den Dingen bedeutet, dass der Wille nicht bestimmt ist durch irgendeinen ihm vorgelegten Gegenstand.
Der menschliche Wille ist also nichtdeterminiert und Gegensätzlichem geöffnet, solange er Willensakte produziert.
Der Wille ist eine Macht, weil er etwas zustande bringen kann, und diese dem Willen eigene Macht ist ein aktives Ich-kann, welches das Ich erfährt, denn in jedem Ich-will steckt ein Ich-kann. Der Willen ist eine geistige Macht, die den Geist inspiriert und mit Selbstvertrauen erfüllt.
Der entscheidende Unterschied zwischen Wille und Begehren ist die Freude am Wollen als solchem selbst im Gegensatz zur vorübergehenden Freude, das Begehrte erreicht zu haben oder zu besitzen - der Besitz läßt das Begehren erlöschen.
Der zweite grundlegende Unterschied zwischen Wille und Begehren besteht darin, dass weil nur der Wille nicht zeitlich begrenzt ist. Eine innere Freude des Willens an sich selbst ist ebenso natürlich wie das Verstehen und Erkennen für den Verstand.
Die Vollkommenheit des Willens, der endgültige Friede zwischen den Zwei-in-einem, kann sich nur einstellen, wenn der Wille in Liebe übergeht.
Die andere Seite der Schnitt- bzw. Anschlußstelle bildet das, was ich die Gesetze Thelema nenne. Diese Gesetze sind zentralen Aussagen eines Buches mit dem Namen Liber L. vel Legis, das von Aleister Crowley im Jahr 1904 niedergeschrieben wurde. Natürlich ist das nicht alles, was in dem Buch zu finden ist, es enthält viele andere wichtige Aussagen, die aber wegen ihres spirituellen, mystischen und okkulten Charakters für unser Thema hier nicht von zentraler Bedeutung sind. Ich beschränke mich auf drei zentrale Kernaussagen, die ich als die Gesetze Thelema bezeichne (die Kennzeichnung in den Klammern verweist auf die Kapitel- und Versnummer):
Every man and every woman is a star. [I/3]
Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern.
Do what thou wilt shall be the whole of the Law. [I/40]
Tu was Du willst soll das Ganze von dem Gesetz sein.
Love is the law, love under will. [I/57]
Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen.

Warum eignen sich ausgerechnet die Gesetze Thelema als Anschluss an die ob dargestellten Grundlagen einer Ethik selbstverantwortlichen Handelns? Ganz einfach - sie sind in ihrer Kürze allumfassend, das heißt alles für das menschliche Handeln Wesentliche ist in ihnen eingeschlossen. Die Auswahl der Gesetze mag auf den ersten Blick willkürlich erscheinen, sie ist es aber nicht, denn sie ergibt sich aus der langen, historischen Linie abendländischer Philosophie, die sich seit ca. 2.500 Jahren mit exakt den in den Gesetzen formulierten Sachverhalten befaßt - mit der Stellung der Individuen zueinander und zu sich selbst, mit ihrem Handeln unter Willen und in Verantwortung, mit dem Für- und Miteinander in Liebe. In dieser Tradition und in diesem Kontext stellen die Gesetze Thelema in ihrer schlichten Präzision einen Höhepunkt menschlichen Nachdenkens über Wille und Liebe dar.
Die drei Gesetze folgen, wenn man genauer hinschaut, eine innere Logik. Das erste Gesetz Every man and every woman is a star ist die Grundlage, auf der alles weitere aufbaut. Es definiert jedes Individuum, gleich welcher Herkunft, welchen Geschlechts, welcher Hautfarbe, als eigenen Stern im Universum namens Menschheit. Das heißt, jedes menschliche Wesen ist der essentiellen Natur nach ein unabhängiges Individuum mit seinem eigenen passenden Charakter und seiner eigenen passenden Bewegung. (Aleister Crowley) Zugleich bedeutet dies, dass das Gesetz Thelema unabhängig von sonstigen Eventualitäten für alle Menschen gilt und dass definitiv niemand das Recht hat, irgendeinem Menschen dies abzusprechen.
| Das Christentum kannte nur eine Gleichheit aller Menschen, die der gleichen Erbsündhaftigkeit, die ganz seinem Charakter als Religion der Sklaven und Unterdrückten entsprach. Friedrich Engels (aus "Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft" MEW 20, S. 96) |
Das erste Gesetz formuliert mit der Aussage Every man and every woman is a star ein Sternsein als Äquivalent zu den oben angeführten Grundbedingungen menschlicher Existenz in Gestalt von Natalität, Mortalität und Pluralität, er formuliert auf ebenso poetische wie prägnante Weise die philosophische Erkenntnis, dass Leben inter homines esse - unter Menschen weilen - bedeutet. Es formuliert also nicht nur einfach ein Axiom oder ein Ideal, sondern drückt auf sehr poetische Weise eine Tatsache aus - jeder Mann und jede Frau ist ein Stern. Es wird mit dieser Stern-Metapher auch keine Gleichheit, sondern eine per se gleichgegebene und damit gleichberechtigte, weil äquivalente und zugleich adäquate Differenz - eine Gleichwertigkeit in Differenz - formuliert. Aus der ebenfalls qua Geburt gegebenen Verschiedenheit resultiert die Differenz, die somit adäquat i.S.v. der Sache angemessen die Individualität jedes Sterns beschreibt und in eben der Tatsache des Geborenseins drückt sich zugleich die Äquvalenz i.S.v. gleichwertig, in Wert und Geltung dem Verglichenen entsprechend aller Sterne zueinander aus. Die biologischen Voraussetzungen, von der Tatsache des Vorgangs der Geburt angesehen, sind eh nicht gleich, es kommt nicht jeder Mensch mit den gleichen biologischen Voraussetzungen auf die Welt, da gibt es in verschiedenster Hinsicht teilweise große Unterschiede. Aber deswegen ist der eine nicht weniger wert als der andere, es sind alles Sterne, wobei es (wenigstens in unserem Kultur- und Wirtschaftskreis) zu guten Teilen in ihrer Hand liegt, was sie aus dem Sternsein machen, wie sie es leben. Und genau hier setzt für jeden Stern die Selbstverwirklichung durch das Erkennen, Formen und Tun seines Willens in der Traditionslinie der Vita Activa von Sokrates bis Hannah Arendt an.
Darüber hinaus geht der Satz eben gerade weg von der trivial-liberalistischen Gleichmacherei, die zwar Gleichheit vor einem, wie auch immer gearteten, Recht behauptet, aber nur Gleichheit vor den Fetischen Ware und Geld meint. Das Gleichgegebene resultiert aus dem, was Hannah Arendt als nackte Tatsache des Geborenseins beschreibt - jeder Mensch ist - ob er es will oder nicht und gleich, was andere dazu meinen - ein Stern qua Geburt. Wie sehr er strahlt, hängt von ihm ab. Mit der im ersten Gesetz Thelema konstituierten Gleichheit ist nicht die ideologisch motivierte Gleichheit diverser, politischer Weltsichten gemeint, die öfter mal nur heuchlerisch ist, sondern hier wird die tatsächliche Gleichheit im für alle Sterne - sprich Menschen - gleichen Recht auf Verwirklichung des eigenen, wahren Willens konstituiert. Gleichwohl sollten wir uns der Tatsache bewusst sein, dass wir in Europa in einer privelegierten Situation leben, die es uns ermöglicht, unter relativ günstigen, äußeren Umständen an unserer individuellen Entwicklung zu arbeiten. Dem größeren Teil der Menschen ist das nicht gegeben, sie müssen mit weitaus widrigeren Umständen zurechtkommen. Deshalb sollte sich keiner anmaßen, den Weg dieser Menschen zu bewerten oder hier gar von "Sklaven" zu sprechen, wie manche Okkultisten in Berufung auf Crowley und das Liber L. vel Legis das tun.
| Die große Fessel aller Fesseln ist Unwissenheit. Wie soll ein Mensch frei handeln können, wenn er nicht seine eigene Bestimmung kennt? Zu allererst mußt du daher herausfinden, welcher Stern von allen Sternen du bist, deine Beziehung zu den anderen Sternen um dich herum, deine Beziehung zum Ganzen und deine Identität mit ihm. Aleister Crowley (aus "Liber CL") |
Auf dieser prinzipiellen und per se unhintergehbaren Gleichheit in der Bestimmung aller Individuen beruht das als klassisches Gebot formulierte zweite Gesetz Do what thou wilt shall be the whole of the Law. Es formuliert mit Do what thou wilt den Grundsatz für jedes weitere, sich als Handlungsmaßstab etablierende Gesetz. Hierbei bezieht sich the whole of the Law nicht auf Do what thou wilt als Handlungsanweisung, sondern greift auf diese Forderung als ethisches Prinzip verweisend darüber hinaus und konstituiert sich als Meta-Gesetz für alles, was unser Handeln bestimmt und definiert. Die Konstituierung als Meta-Gesetz bedeutet, dass der als klassisches Gebot formulierte Satz genau darüber - über den Status als Gebot - hinausgreift. Er formuliert eben nicht nur, obwohl es auf den ersten Blick so aussieht, eine Handlungsanweisung, sondern mit Do what thou wilt ein Meta-Gesetz, das als prinzipieller Maßstab für alle eventuell erforderlichen Weiterungen in Regel- oder Gesetzesform zu gelten hat. Dieser Interpretation folgt die Übersetzung Tu was Du willst soll das Ganze von dem Gesetz sein. Das zweite Gesetz Thelema schließt unmittelbar an die oben unter den Punkten 7 bis 13 zusammengefassten Aussagen zum Willen ut libera an.
Das dritte Gesetz Love is the law, love under will schließlich ist in der Tat ein reines Gesetz und stellt, die beiden ersten Gesetze integrierend, die soziale Komponente der Gesetze Thelema dar. Es schließt an die obigen Punkte 14 bis 16, besonders an letzteren an: Die Vollkommenheit des Willens, der endgültige Friede zwischen den Zwei-in-einem, kann sich nur einstellen, wenn der Wille in Liebe übergeht.
| Ich bitte euch, erforscht euch aufs Genaueste und analysiert eure innersten Gedanken. Und zuerst sollt ihr all die groben, deutlich sichtbaren Hemmungen für euren Willen aufdecken: Trägheit, törichte Freundschaften, nutzlose Beschäftigungen oder Vergnügungen. Aleister Crowley (aus "Liber CL") |
Es ist schon formuliert im Sinne des zweiten Gesetzes in dessen Wirken als Meta-Gesetz und stellt die Liebe unter Willen. Liebe unter Willen führt Tu was du willst über den individuellen Aspekt hinaus und stellt die Beziehung zu ALLEN anderen Sternen her. Liebe unter Willen ermöglicht soziales Handeln unter dem wahren Willen und verhindert zugleich, dass Tu was du willst zum bloßen Tu was dir beliebt wird. Beide Gesetze gehören zusammen, wobei, wie oben beschrieben, das kausale Primat bei Tu was du willst liegt. Das läßt Liebe unter Willen aber nicht zweitrangig werden - das Eine ist ohne das Andere nicht möglich. Ohne Liebe unter Willen wird Tu was du willst asozial, ohne Tu was du willst ist Liebe unter Willen nicht denkbar, wird Liebe zur Selbstaufgabe und zu einer endlosen Reihe fauler Kompromisse um der Liebe selbst willen. Damit wird deutlich, wie Liebe unter Willen zu verstehen ist. Und dass damit nicht der fordernde, an zumeist einseitige Bedingungen geknüpfte Liebesbegriff christlicher Prägung gemeint ist. Liebe im Sinne des Gesetzes ist Liebe unter der Prämisse des freien Willens als Weg zur Selbsterkenntnis und zur Selbstentfaltung und damit zur Vervollkommnung unserer Persönlichkeit. Sie ist nicht Werkzeug zur Bindung, besser Fesselung anderer und seiner selbst an biologische und soziale Mechanismen und deren Zwänge.
Aleister Crowley hat das in den folgenden, sehr schön formulierten Sätzen zusammengefaßt (im Liber II [Book 2] The Message of The Master Therion): Thou hast no right but to do thy will. Do that and no other shall say nay. For pure will, unassuaged of purpose, delivered from the lust of result, is every way perfect. Take this carefully; it seems to imply a theory that if every man and every woman did his and her will - the true will - there would be no clashing. Every man and every woman is a star, and each star moves in an appointed path without interference. There is plenty of room for all; it is only disorder that creates confusion. From these considerations it should be clear that Do what thou wilt does not mean Do what you like. It is the apotheosis of Freedom; but it is also the strictest possible bond. Do what thou wilt--then do nothing else. Let nothing deflect thee from that austere and holy task. Liberty is absolute to do thy will; but seek to do any other thing whatever, and instantly obstacles must arise.
(Der deutsche Text ist hier zu finden: http://www.oto.de/documents/liber_2.htm)
Der Wille ist aus dieser Sicht und in Erweiterung des Konzepts nach Duns Scotus die (Selbst)Konstituierung des Ego, seine Manifestation als das ICH BIN. Der Begriff "Ego" wird im Wortsinn verwendet als das Ich, es setzt sich zusammen aus unserem Bewusstsein, unseren Emotionen, Trieben und Instinkten. Der kognitive und reflektierende Teil ist das Bewusstsein, alle vier Teile wirken aber zusammen. Ein Teil ist uns fast unabänderlich, aber dennoch kontrollierbar, gegeben, ein Teil ist gesetzt durch Erziehung und soziale Prägung, ein anderer Teil ist Resultat unserer Erfahrung. Intentionen, Wünsche und Ziele sind determinierte Resultate des Wirkens der vier Teile. Der Wille ist in dieser Konstellation das konstituierende und definierende Element des Selbst für die Zukunft, die wir als ein aktives Ich-kann, welches das Ich erfährt und das in jedem Ich-will steckt, selbst für uns gestalten. Wie gesagt - der Willen ist eine geistige Macht, die den Geist inspiriert und mit Selbstvertrauen erfüllt.



