Philosophie
Willensethik
Teil 3: Ethik vs. Moral
Teil 3: Ethik vs. Moral
Willensethik - Teil 3: Ethik vs. Moral
Was ist Ethik? Es wird oft und gerne geschrieben, Ethik - der Begriff leitet sich vom griechischen ethos her, was Gewohnheit, Herkommen, Sitte bedeutet - sei als die wissenschaftliche Lehre von allem Sittlichen jener Zweig der Philosophie, der sich mit der Moral befasst, womit Ethik als Moralphilosophie beschrieben wäre. Das ist zwar nicht direkt falsch, aber einigermaßen irreführend, weil stark verkürzt. Zu unterscheiden ist zunächst zwischen philosophischer Ethik und der theologischen Ethik (Moraltheologie), die sich auf den Moralkodex des in der Kirche institutionalisierten Glaubens stützt. Das wesentliche Kennzeichen der Philosophie, und somit auch der philosophischen Ethik, ist die Offenheit des Fragens. Dies unterscheidet sie wesentlich von der Theologie, die an die Stelle der Fraglichkeit das Dogma setzt - womit wir letztere gleich wieder vergessen wollen. Die Grundfragen der philosophischen Ethik richten sich - sehr kurz gesagt - auf Maßstäbe als Richtschnur rechten und vernünftigen Handelns. Methodisch und von ihrem leitenden Erkenntnisinteresse her, lassen sich drei Grundformen der Ethik unterscheiden: empirische, normative und die Meta-Ethik. Die empirische Ethik beschreibt und erklärt die vielfältigen Ausprägungen von Moralität und Sittlichkeit und wird auf Grund ihrer beschreibenden Moments auch deskriptive Ethik genannt. Mit der sprachlichen Form, der Methode und der Funktion der Ethik befasst sich die Meta-Ethik. Erwähnung verdient in diesem Zusammenhang die wesentlich von Ludwig Wittgenstein geprägte sprachanalytische Ethik, die ihre Aufgabe in der Klärung der Arten und Weisen sieht, in denen moralische Ausdrücke Verwendung finden und moralisch argumentiert wird. Die normative Ethik ist Ethik im eigentlichen Sinne, sie zielt auf allgemein verbindliche Aussagen. Innerhalb der normativen Ethik lässt sich eine weitere Unterscheidung machen - der formalen Ethik geht es um den Nachweis von Prinzipien, mit denen eine Handlung bewertet werden kann, die materiale Werte-Ethik orientiert sich an bestimmten Wertinhalten.
In diesem Kontext wäre die hier versuchte Darstellung der Vita activa als Ethik am ehesten als teleologische Handlungsethik zu beschreiben. Ich begreife sie als Werte-Ethik und beschreibe sie mit dem Begriff Verantwortungs-Ethik.
Welche Rolle spielt dann die Moral? Diese Frage bedarf einer Beschreibung dessen, was man unter Moral versteht. Moral ist eine, bestimmte Bereiche des sozialen Lebens betreffende, Gruppenkonvention, die immer von den strukturellen, ökonomischen und sozialen Konditionen der jeweiligen Gruppe abhängt. Das bedeutet, dass es DIE Moral nicht gibt - Katholiken folgen bei einer relativ großen Schnittmenge gemeinsam anerkannter Grundsätze anderen moralischen Regeln als Protestanten, beide wiederum haben eine andere Moral als Moslems, wobei die Schnittmenge gemeinsam anerkannter Grundsätze schon deutlich kleiner ist, und alle drei Gruppen zusammen folgen anderen moralischen Prinzipien als nordische Heiden usw. usf. Ein Obdachloser, der im Berliner Tiergarten nächtigt, hat trotz einer beachtlichen Schnittmenge gemeinsamer Vorstellungen eine andere Moral als der Vorstand einer Bank mit Wohnsitz in Berlin-Wannsee und beide haben eine andere Moral als ein Bettler in Karatschi.
Moral - in unseren Breiten die christlich geprägte, bürgerliche Moral - ist zu großen Teilen das Resultat von Erziehung und Sozialisierung bzw. sozialopportuner Anpassung - also von konditionierender und domestizierender Prägung der willensbildenden Instanzen des Individuums. Moral wird strukturiert und vermittelt von solcherart "erzieherisch" - also konditionierend und domestizierend - wirkenden Instanzen und Institutionen, z.B. von Kirchen, Parteien, Schulen, von der Familie und der Ehe. Dem in diesen Strukturen agierenden Individuum bleibt im Verhältnis zur Moral nichts zu tun, als sich an ihre Prinzipien zu halten, und zwar objektiv betrachtet ausschließlich aus Opportunitätsgründen.
| Es giebt Moralen, welche ihren Urheber vor Anderen rechtfertigen sollen; andre Moralen sollen ihn beruhigen und mit sich zufrieden stimmen; mit anderen will er sich selbst an's Kreuz schlagen und demüthigen; mit andern will er Rache üben, mit andern sich verstecken, mit andern sich verklären und hinaus, in die Höhe und Ferne setzen; diese Moral dient ihrem Urheber, um zu vergessen, jene, um sich oder Etwas von sich vergessen zu machen; mancher Moralist möchte an der Menschheit Macht und schöpferische Laune ausüben; manch Anderer, vielleicht gerade auch Kant, giebt mit seiner Moral zu verstehn: "was an mir achtbar ist, das ist, dass ich gehorchen kann, - und bei euch soll es nicht anders stehn, als bei mir!" - kurz, die Moralen sind auch nur eine Zeichensprache der Affekte. Friedrich Nietzsche (aus "Jenseits von Gut und Böse", Hauptstück 5) |
Es ist zwar hilfreich, aber in keiner Weise erforderlich, dass das Individuum sich der Moral in kognitiver Weise annimmt, denn es muss die Moral weder verstehen noch antizipieren. So gibt es von A wie Arbeitsmoral bis Z wie Zahlungsmoral Moralen für jede Gelegenheit - und die berüchtigten Moralwächter. Hat man je von einem Ethikwächter gehört? Nein, hat man nicht - und damit bin ich bei meiner Sicht der Dinge. Ich lehne diese Moralisiererei für mich ab und praktiziere sie nicht. Ich sehe es als ein Ziel der spirituellen Entwicklung, für sich selbst ganz individuell und in Gruppen ein ethisches Konzept zu entwickeln und zu realisieren.



