Philosophie
Willensethik
Teil 2: Ethik
Teil 2: Ethik
Willensethik - Teil 2: Ethik
"Willentliches Handeln? Handeln in Verantwortung? Das tue ich doch sowieso..." wird gern gefragt und im selben Atemzug entgegnet, wenn die Sprache auf die Bedingungen und Möglichkeiten menschlichen Handelns kommt. Ist das wirklich so, tut "man", wer immer das sein mag, wirklich das, was er oder sie "will"? Ist menschliches Handeln in den integrativen und selbstbehauptenden Prozessen im Rahmen sozialer Strukturen, aber auch im individuellen Kontext nicht vielmehr und sehr viel öfter von Konditionen determiniert als vom Willen und von Verantwortung, insbesondere Selbstverantwortung, bestimmt? Wird nicht zu oft Handeln als bloßes Tun oder gar blinder Aktionismus verstanden? Ist das, was als willentliches Handeln deklariert wird, nicht sehr viel öfter ein Handeln aus Beliebigkeit heraus oder aber ein reibungsfreies Anpassen an fremdbestimmte Rahmenbedingungen, die dann zur "Einsicht in die Notwendigkeit" verklärt wird, was im Ergebnis nichts als eine äußerste Verflachung der Hegelschen Auffassung (Friedrich Engels in "Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft") ist? Der beliebteste Einwand ist die "Wo kämen wir denn hin..."-intendierte Befürchtung von Anarchie und Chaos, wenn jeder seinen Willen zum Gesetz seines Handelns erhöbe. Nicht bedacht wird dabei, dass Willen eben nicht das bloße Belieben meint, ignoriert werden dabei die aus dem nur mühsam strukturierten Terror der Beliebigkeit resultierenden, chaotischen Zustände, in denen unsere Gesellschaft ihre Rahmenkoordinaten definiert.
Um es vorweg zu sagen - Ja, es gibt eine Alternative, die uns willentliches Handeln ermöglicht. Nein, dieses Handeln bedeutet nicht notwendigerweise Verantwortungslosigkeit. Es ermöglicht vielmehr selbstverantwortliches Handeln. Wahrscheinlich ist sie so alt wie menschliches Denken in sozialen Strukturen selbst - es ist die Idee vom geglückten Leben, es ist die Idee vom aktiv willentlichen und lebensgestaltenden Handeln in Verantwortung gegenüber sich selbst und anderen. Ich habe sie hier in der Tradition der westlichen Philosophie zurückgeführt bis Sokrates und der Idee von der Vita Activa und bis zu Duns Scotus und seinen Überlegungen zum Willen des Menschen. In dieser langen Tradition menschlichen Denkens über sich selbst beschreiben die von Hannah Arendt niedergeschriebenen Erkenntnisse in bis dahin nicht dagewesener Prägnanz die Grundkoordinaten der Möglichkeiten menschlichen Handelns im Rahmen einer nicht nur neu formulierten, sondern auch neu positionierten Vita Activa.
Ich behaupte hier, dass es sehr gute Gründe gibt, die individuelle Lebenswelt an dem, was als die Kriterien verantwortlichen Handelns zu erkennen ist, auszurichten. Dabei geht es um die individuelle Lebensgestaltung und einige dieser behaupteten Gründe sind die logische Konsequenz aus der Entwicklung, welche die menschliche Zivilisation seit ca. 150 Jahren nimmt. Und sie sind die logische Konsequenz aus einer nüchternen Betrachtung des derzeitigen Weltgeschehens. Im Zuge dieser Entwicklung zeichnen sich im Wesentlichen zwei mögliche Entwicklungen bzw. Wege ab. Der eine Weg ist, dass die Menschheit die Chance wahrnimmt, katastrophale Entwicklungen abzuwenden. Das Schlüsselwort dazu lautet Selbstbeschränkung, der Weg dorthin ist die geistig-spirituelle Entwicklung, die es uns ermöglicht, in Selbsterkenntnis und Selbstverantwortung zu leben. Eine solche Selbstbeschränkung ist eine Befreiung, nämlich die Befreiung von den konsumtiv-reproduktiven Zwängen der jetzigen Gesellschaft aus der Erkenntnis heraus, wie sehr der Tinnef und Tand der Konsumgesellschaft mit ihren Reproduktionszwängen unsere Spiritualität und damit unser gesamtes Leben beeinträchtigt. Mittlerweile hat diese Beeinträchtigung eine Größenordnung erreicht, dass sie über unser individuelles Dasein hinaus unsere kollektive, physische Existenz bedroht. Einige der hier formulierten Ziele sind nicht neu, sie wurden und werden von kritischen Beobachtern der Entwicklung ebenso oder so ähnlich formuliert. Ich gehe an den Punkten weiter, die ich darüber hinaus für unerlässlich halte, weil sie der Etablierung einer Ethik selbstverantwortlichen Handelns dienen.
Der zweite Weg wäre gewalttätiger und katastrophaler Natur - gewalttätig durch kriegerische Konflikte, katastrophal durch Natur- und Umweltkatastrophen, die aus menschlichem Wirken resultieren. Sehr wahrscheinlich werden diese Katastrophen die gewalttätige Auflösung durch Kriege verstärken. Dieser Fall der katastrophalen Auflösung bestehender Strukturen und Wertesysteme tritt ein, wenn die Menschheit so weiteragiert, wie sie es bisher tut. Nun mag mancher das als Fatalismus bezeichnen - aber das trifft nicht zu, denn ich behaupte nicht, dass alles schon entschieden, quasi schon gelaufen ist. Aus der obigen Darstellung sollte ersichtlich sein, dass ich den ersten Weg präferiere - den, dass die Menschen ihre Chancen spiritueller Entwicklung zur sozialen Umgestaltung ihrer Welt individuell und kollektiv wahrnehmen. Allerdings schließe ich den zweiten Weg nicht aus und ich bin auch nicht gewillt, mir selbst vorzulügen, dass er nicht möglich oder wahrscheinlich wäre - er ist beides.
| Wir weisen demnach eine jede Zumutung zurück, uns irgendwelche Moraldogmatik als ewiges, endgültiges, fernerhin unwandelbares Sittengesetz aufzudrängen. [...] Wirklich wissenschaftliche Arbeiten vermeiden daher regelmäßig solche dogmatisch-moralische Ausdrücke wie Irrtum und Wahrheit, während diese uns überall entgegentreten in Schriften wie die Wirklichkeitsphilosophie, wo leeres Hin- und Herreden uns als souveränstes Resultat des souveränen Denkens sich aufdrängen will. Friedrich Engels (aus "Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft" MEW 20, S. 87) |
Noch eine Ethik? Das und wozu ein weiteres, ethisches Konzept gut sein soll mag sich der Leser jetzt fragen. Haben wir nicht schon Verhaltenskanons und -kodizes in hinreichender Zahl, die uns als Ethik daherkommen? dass sie als solche daherkommen, mag sein - was aber nicht notwendigerweise bedeutet, dass sie auch Ethiken sind. Es sind in der Regel Moralen, die als Ethiken deklariert werden, um ihnen den Anspruch einer gewissen Deutungshoheit und Allgemeinverbindlichkeit zuzusprechen.



