Philosophie
Hannah Arendt - eine gelebte Vita Activa
Teil 4: Exkurs - die KPO
Teil 4: Exkurs - die KPO
Hannah Arendt - eine gelebte Vita Activa
Teil 4: Exkurs - die KPO
Die Geschichte der KPO (Kommunistische Partei Deutschlands – Opposition, auch Kommunistische Partei-Opposition, KPD-Opposition oder KPD-O) ist ein tragisches Lehrstück für das Scheitern der Arbeiterbewegung. Die KPO wurde gegründet zum Jahreswechsel 1928/1929 von dem Mediziner, Sprachwissenschaftler und Völkerkundler August Thalheimer, einem der brilliantesten und radikalsten Theoretiker ("Offensivtheorie") der deutschen Kommunisten, der 1916 zu den Mitbegründern des Spartakusbundes gehörte, und dem gelernten Maurer Heinrich Brandler, der während des Ersten Weltkriegs zusammen mit Fritz Heckert die Chemnitzer Spartakisten geführt hatte. Dem vorausgegangen war die Niederschlagung des Revolutionsversuch vom Herbst 1923, den vorzubereiten und durchzuführen das Politbüro der KPdSU beschlossen und die deutschen Kommunisten angewiesen hatte. Thalheimer war, wie schon bei den sogenannten "Märzaktionen", dem Aufstandsversuch der KPD vom März 1921, der Theoretiker des Aufstandes und Brandler der zu dieser Zeit verantwortliche, politische Führer der KPD. Dieser Revolutionsversuch endete in einer mittleren Katastrophe und Thalheimer, Brandler und Karl Radek, der beide sehr gut kannte und zur Unterstützung der KPD von den Sowjets nach Deutschland zurückgeschickt wurde, wurden sozusagen in die Wüste geschickt, was in der Praxis bedeutete, daß sie sich in der Sowjetunion zur weiteren Verwendung im Dienste der Weltrevolution einzufinden hatten.
Thalheimer arbeitete ab 1924 in Moskau im Marx-Engels-Institut und war Professor an der Sun-Yat-Sen-Universität, einer Kaderschmiede für die KP Chinas, wo er übrigens auch Deng Xiaoping im dialektischen Materialismus unterwies, der die Volksrepublik China de facto von 1976 bis zu seinem Tod am 19. Februar 1997 führte und maßgeblich den Wandel Chinas zu einer der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt initiierte.
Mitte 1928 kehrten Thalheimer und Brandler nach Berlin zurück, was durch eine Aufhebung der Haftbefehle gegen sie aufgrund einer Amnestie möglich war, und die Auseinandersetzungen mit der Thälmann-Fischer-Fraktion gingen in die nächste Runde, welche mit dem Ausschluß der Opponenten Ende 1928 endete. Thalheimer und Brandler gründeten zum Jahreswechsel 1928/1929 schließlich die KPO, ihr Zentralorgan war die bis heute existente Publikation "Arbeiterpolitik". Zusammen mit anderen, aus der Komintern (Kommunistische Internationale) und diversen, kommunistischen Parteien "Hinausgesäuberten" entstand 1930 die Internationale Vereinigung der Kommunistischen Opposition (IVKO). Allerdings handelte es sich bei den kommunistischen Oppositionen stets um kleine Kaderorganisationen, die KPO als eine der größten und aktivsten Organisationen hatte selbst in ihren besten Zeiten nicht mehr als 6000 Mitglieder, unter denen sich jedoch zahlreiche der erfahrensten kommunistischen Gewerkschafter und Kommunalpolitiker befanden. Dazu kam, daß im Jahre 1932 viele Mitglieder die KPO verließen und sich der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) anschlossen, die sich von der SPD abgespaltete. 1933 gingen Thalheimer und Brandler nach Frankreich ins Exil und unter dessen Bedingungen schmolz die IVKO schnell zusammen, bis sie 1936 eigentlich nur noch aus der deutschen Sektion und der Gruppe aus den USA unter der Führung des CIA-Agenten Jay Lovestone bestand. Nach ihrer Inhaftierung als feindliche Ausländer mit Kriegsbeginn gelang ihnen 1941 die Flucht nach Kuba, wo die beiden KPOler in der sowieso sehr kleinen, deutschen Emigrantenkolonie völlig isoliert waren. Thalheimer lebte von mageren Einkünften als Sprachlehrer und Übersetzer, Brandler versuchte, den Kontakt zu den über die ganze Welt verstreuten, restlichen KPO-Mitgliedern aufrecht zu erhalten und ab 1945 schrieb Thalheimer seine "Monatliche politische Übersichten", welche zur Folge hatten, daß die alliierten Besatzungsbehörden in Ost und West gleichermaßen Thalheimer und Brandler die Rückkehr nach Deutschland verwehrten.
Je nach politischer Haltung wurde und wird die Geschichte der KPO unterschiedlich bewertet. Den orthodoxen Kommunisten galten die KPOler als "Rechte" bzw. "Rechtsabweichler", in der Sprachregelung der ostzonalen SED und der westdeutschen KPD-Nachfolgeorganisationen waren sie Renegaten. Und das alles deshalb, weil Thalheimer, Brandler und Genossen sich gegen den sogenannten "Linkskurs" der Thälmann-Fischer-Fraktion Ende der 20iger Jahre des 20. Jahrhunderts stellten. Diese Einschätzungen sind natürlich ausschließlich der internen Feindbildpflege der KPD und ihrer Nachfolger geschuldet und ansonsten aus historischer Sicht schlicht Blödsinn.
Die sogenannte kritische Linke und linksliberale Historiker bewerten die Gründung der KPO als Ausdruck der Opposition gegen den zunächst Bolschewisierungs- und dann Stalinisierungskurs der Kaderkommunisten um Ruth Fischer. Auch diese Einschätzung geht an der Sache vorbei, wenn auch im Einzelnen solche Motive subjektiv eine Rolle gespielt haben mögen. Allerdings war das Verhältnis der KPO-Führung zum Stalinismus lange Zeit ambivalent bzw. indifferent. So beendeten Thalheimer und Brandler einerseits 1926 in der UdSSR ihre Zusammenarbeit mit Karl Radek, weil der sie für die Trotzki-Sinowjew-Fraktion gewinnen wollte, sie aber die Politik Stalins und Bucharins für gut und richtig hielten.
Andererseits wandte sich die KPO gegen die der KPD direkt aus Moskau diktierte Politik der Spaltung von Arbeiterbewegung und Gewerkschaften und gegen die von der KPD vertretene und der KPdSU abgesegnete Sozialfaschismustheorie der KPD und warb für die proletarische Einheitsfront aller Kommunisten gegen den Nationalsozialismus. Einerseits engagierte sich die KPO im spanischen Bürgerkrieg für die POUM (Partido Obrera de Unificación Marxista - Arbeiterpartei der Marxistischen Einheit), die den Moskauer Funktionären als trotzkistische Organisation galt, obwohl der POUM-Mitbegründer und -Führer Andres Nín sich schon 1932 gegen Trotzki gestellt hatte inklusive persönlichen Bruchs der Freundschaft, so daß zum Beispiel die "Prawda", das Zentralorgan der KPdSU, am 17.12.1936 verkündete: "Was Katalonien betrifft, so hat die Säuberung der Trotzkisten und Anarchosyndikalisten begonnen und wird mit derselben Energie durchgeführt werden, wie in der Sowjetunion." Andererseits fühlten sich Thalheimer und Brandler gegenüber der KPdSU bis 1937 einer Politik der gegenseitigen Nichteinmischung verpflichtet und unterstützten Stalins Innen- und Kollektivierungspolitik einschließlich der ersten Schauprozesse. Nach Thalheimers Analyse waren Stalins Methoden zwar ungeeignet für entwickelte Industrieländer, für Rußland aber gerade gut genug. Tatsache ist, daß Thalheimer und Brandler und mit ihnen offiziell die KPO sich erst nach der Zerschlagung der POUM im Mai 1937 und dem Schauprozeß gegen Marschall Michail Tuchatschewski im Juni 1937, der mit dessen Hinrichtung endete, gegen die Politik Stalins und den Stalinismus als System wandten.



