Philosophie
Hannah Arendt - eine gelebte Vita Activa
Teil 1: Jugend in Deutschland
Teil 1: Jugend in Deutschland
Hannah Arendt - eine gelebte Vita Activa
Teil 1: Jugend in Deutschland
| Es wäre viel gewonnen, wenn wir das bösartige Wort "Gehorsam" aus dem Vokabular unseres moralischen und politischen Denkens streichen könnten. Wenn wir diese Fragen durchdenken, könnten wir ein gewisses Maß an Selbstvertrauen und sogar Stolz zurückgewinnen, das, was frühere Zeiten die Würde oder die Ehre, vielleicht nicht der Menschheit, so doch des Menschen, genannt haben. Hannah Arendt |
| Wenn schon die Charakteristik des "schlechten" Gewissens das ursprüngliche Phänomen nicht erreicht, dann gilt das noch mehr von der des "guten", mag man es als eine selbständige Gewissensform nehmen oder als eine in dem "schlechten" wesenhaft fundierte. Das "gute" Gewissen müßte, entsprechend wie das "schlechte" ein "Bösesein", das "Gutsein" des Daseins kundgeben. Man sieht leicht, daß damit das Gewissen, vordem der "Ausfluß der göttlichen Macht", jetzt zum Knecht des Pharisäismus wird. Es soll den Menschen von sich sagen lassen: "ich bin gut"; wer kann das sagen, und wer wollte es weniger sich bestätigen als gerade der Gute? An dieser unmöglichen Konsequenz der Idee des guten Gewissens kommt aber nur zum Vorschein, daß das Gewissen ein Schuldigsein ruft. Martin Heidegger |
Hannah Arendt und Martin Heidegger - die Geschichte dieser Liebe ist wohl deshalb so faszinierend, weil sich in ihr die beiden wohl bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts trafen - und in ihrer Liebe grandios an sich und an den Verhältnissen ihrer Zeit scheiterten. Diese Geschichte wurde oft erzählt und in den allermeisten Fällen kam Martin Heidegger ziemlich schlecht dabei weg. Nun, einerseits gehören zu solchen Geschichten immer zwei Personen und damit zwei individuelle Lebens- und Erfahrungswelten. Andererseits ist zu bedenken, daß Martin Heidegger trotz seines unübertrefflich brillanten Geistes ein Mensch war mit allen Schwächen, die Menschen nun mal so haben. So zeigt diese Geschichte exemplarisch, wie diese Schwächen Menschen, auch wenn sie geniale Denker sind, dazu bringen, sich den - in den allermeisten Fällen vermeintlichen, selten tatsächlichen - Zwängen der Opportunität zu unterwerfen. Für Hannah Arendt zeigte sich die Schwäche in ihrer übersteigerten Erwartungshaltung an Heidegger und ihrer offensichtlichen Unfähigkeit, über die reine Vernunft hinaus auch emotional zu verzeihen, was allerdings nicht nur Heideggers Opportunismus, sondern der für uns nur schwer vorstellbaren Dramatik ihres Lebens geschuldet ist.
Hannah Arendt und Heinrich Blücher - die Geschichte dieser Liebe ist wohl deshalb so faszinierend, weil sich in ihr die wohl bedeutendsten Denkerin und Philosophin des 20. Jahrhunderts und das politische Schicksal Europas in Gestalt eines Mannes trafen, der an diesem Schicksal gestalterisch teilhatte und die Denkerin zu ihrer genialen Synthese aus Phänomenologie und politischem Handeln in ihrer Philosophie - der Phänomenologie des Politischen - inspirierte. Ein Freund der Familie Arendt-Blücher beschrieb die beiden so: "Bei jeder Unterhaltung mit den beiden konne das Gespräch urplötzlich ins Deutsche wechseln und ein Ehestreit ausbrechen über irgendeinen philosophischen Gedanken, der völlig überraschend aufgetaucht war. Heinrich, die Pfeife zwischen den zusammengepressten Lippen, brummte seine Argumente heror, als kämpfte er auf einem Schlachtfeld gegen die starrköpfige Philosophin. Hannah hingegen konfrontierte dich mit der Wahrheit und mit ihrer Freundschaft."
Es soll hier versucht werden darzustellen, wie die Läufe der Zeit in ihren Umständen auf Menschern wirken, die in der Größe ihres Werkes eigentlich jenseits der Zeit stehen. Hannah Arendt, amerikanische Philosophin, Politologin und Schriftstellerin deutscher Herkunft, wurde am 14. Oktober 1906 in Hannover geboren. International bekannt wurde sie vor allem durch ihre Arbeiten zum Totalitarismus. Im Alter von sieben Jahre wurde Hannah Arendt durch den Tod ihres Vaters Halbwaise. Ihre geliebte Mutter war häufig auf Reisen und jedesmal sorgte sich das Mädchen ob der Rückkehr ihrer Mutter und ängstigte sich, daß diese eines Tages ausbliebe. Als Hannah dreizehn war, heiratete Martha Arendt wieder. Hannah mußte ihre Mutter nun nicht nur mit einem Mann, sondern auch mit zwei älteren Stiefschwestern teilen. 1923 wird Hannah Arendt nach einem Aufruf zum Boykott des Unterrichts vom Gymnasium, der Luisen-Schule, verwiesen. Sie war von einem Lehrer wegen ihres Judentums beleidigt worden und griff zu diesem außergewöhnlichen Mittel, das einiges Aufsehen erregte. Sie holte das Abitur dann später nach. So gestaltete sich ihre Jugend einigermaßen turbulent, was bei ihr das Gefühlt von Schutz- und Hilflosigkeit nach sich zog: "Der blödsinnige, von Jugend anerzogene Zwang, vor aller Welt immer so zu tun, als ob alles in bester Ordnung ist, kostete den besten Teil meiner Kraft".
Nach Abschluß der Schule studierte sie Philosophie u. a. bei Edmund Husserl, Martin Heidegger und Karl Jaspers. Sie promovierte 1929 an der Universität Heidelberg über den Begriff der Liebe bei Augustinus. Als junge Studentin begegnete sie dem damals 35jährigen, verheirateten Martin Heidegger. Er war gerade dabei, "Sein und Zeit" zu schreiben und bereitete sich auf eine rasante Universitätskarriere vor.
Am 26. September 1889 erblickt in Messkirch (Baden-Württemberg) Martin Heidegger das Licht der Welt - er wird einer der bedeutendsten Philosophen der Neuzeit werden. Das allerdings konnten sein Vater, der Meßner und Küfermeisters Friedrich, und seine Mutter Johanna (geb. Kempf) nicht ahnen. Der junge Martin will zunächst Priester werden und beginnt nach dem Abitur im Jahre 1909 ein Studium der Theologie in Freiburg im Breisgau, worin er von der katholischen Kirche finanziell unterstützt wird. 1911 jedoch ist sein Interesse am Priestertum soweit dahin, daß er Studien in den Fächern Mathematik, Naturwissenschaften und Philosophie - hier begegnet er seinem Lehrer und Mentor Edmund Husserl, dem Begründer der Phänomenologie. Im Jahr 1913 promoviert er über das Thema "Die Lehre vom Urteil im Psychologismus. Ein kritisch-positiver Beitrag zur Logik". 1916 schließt er seine Studien mit einer Habilitation bei dem Neukantianer Heinrich Rickert ab. Im Jahr 1919 wird ihm von Edmund Husserl eine Stelle als sein Privatassistent angeboten, die Heidegger auch annahm. Mittlerweile seit 1917 mit der Ökonomiestudentin Elfriede Petri verheiratet, setzt sich Heidegger kritisch mit Husserls Phänomenologie auseinander. In diese Zeit fällt der Beginn seiner Freundschaft mit Karl Jaspers, die bis 1933 ungetrübt anhielt, später in Folge der divergierenden Lebenswege distanzierter wurde.
1923 folgte er dem Ruf als außerordentlicher Professor der Philosophie in Marburg, hier wandte er sich Kants Philosophie zu. Nach der Veröffentlichung seines Hauptwerk "Sein und Zeit" und der Begründung der Fundamentalontologie zur Aufhebung der traditionellen ontologischen Systeme seit Platon wird Heidegger 1928 als Husserls Nachfolger auf dessen Lehrstuhl nach Freiburg berufen, er folgt Husserl auch als Institutsdirektor nach.
Nach der Machteinsetzung der Nationalsozialisten erwartet Heidegger von denen den "Neubeginn des deutschen Schicksals" - was dann auch eintritt, allerdings anders, als Heidegger sich das erträumte. Er wird zunächst Mitglied der NSDAP, danach Rektor und schließlich "Führer" der Universität zu Freiburg, die er als Basis einer "neuen Besinnung" gestalten will. Die Herren Nationalsozialisten verfolgten allerdings andere Pläne und so zog sich Heidegger im Jahr 1934 von allen Funktionen zurück - er war der intriganten Politik der nationalsozialistischen Ersatzorganisationen zur Vortäuschung einer Zivilgesellschaft (zum Beispiel NS-Dozentenbund, NS-Studentenbund, NS-Altherrenbund, NS-Rechtswahrerbund usw.) und ihrer Organisationen zur gleichzeitigen Vernichtung der Zivilgesellschaft (zum Beispiel Prüfungskommission zum Schutz des NS-Schrifttums, Rassenpolitisches Amt der NSDAP usw.) nicht gewachsen und geriet mit seiner Ablehnung der Rassenlehre als grundlegende Ideen des Nationalsozialismus in Konflikt mit übergeordneten Instanzen.
Die Wurzeln von Heideggers Denken liegen ganz klar in der griechischen Philosophie, insbesondere Platon, Aristoteles und die Vorsokratiker haben Heideggers Art und Weise zu philosophieren maßgeblich geprägt. Doch auch der Einfluß des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard und von Friedrich Nietzsche auf Heidegger ist nicht zu unterschätzen - und natürlich der von Edmund Husserl.
| Gliedern jedoch lässt sich seine Philosophie in drei zeitliche Phasen, in denen er sich mit dem Problem eines "Sinns von Sein" (1922-1933), der "Wahrheit des Seins" (1934-1946) und der "Ortschaft des Seins" (1947-1976) auseinandersetzte.
Die erste Periode, die 1927 mit dem Erscheinen seines wichtigsten und einflussreichsten Werkes Sein und Zeit eingeleitet wurde, stand im Zeichen der Frage nach dem Sinn von Sein. Als bestimmende Existenzialien (Seinsweisen des menschlichen Daseins) stellte er dabei mittels eines eigens hierfür geschaffenen Vokabular mit eigener Semantik die "Befindlichkeit", die "Geworfenheit", die "Rede", die "Verfallenheit", das "Sein zum Tode", das "Gewissen" und die "Geschichtlichkeit" heraus. Die Grundverfassung des menschlichen Daseins ist das "In-der-Welt-sein". Dieses wird geprägt durch "Sorge". Bei der genauen Auslegung des "In-der-Welt-seins" als Existenz geht Heidegger von der alltäglichen Situation des Menschen aus. Dieser ist nicht bei sich selbst, sondern der Alltagswelt, der Routine und der Oberflächlichkeit der anonymen Masse verfallen. Die Grundstimmung des Daseins ist die Angst. Sie konfrontiert den Menschen mit der Gewissheit des Todes und der eigenen Vergänglichkeit. Erst dadurch wird jedoch für ihn der wahre Sinn des Seins und der Freiheit erfahrbar. [adaptiert nach Josef Speck in „Grundprobleme der großen Philosophen; Philosophie der Neuzeit“, UTB, Stuttgart 1997] |
Als Martin Heidegger auf die junge Hannah Arendt traf, verliebte er sich sofort in sie, wobei der Umstand, daß die kosmopolitische Jüdin, der ihr modisch-elegantes und für die dortigen Verhältnisse "exotisches" Auftreten im kleinen Universitätstädtchen Marburg nicht nur Sympathie einbrachte, auf den aus einem provinziell-ländlichen Umfeld stammenden Heidegger einen starken Reiz ausübte, der ihn schließlich bewog, sich mit ihr auf eine Beziehung einzulassen, die seine Ehe und nicht zuletzt seine Karriere hätte in Frage stellen können. Der ansonsten eher verschlosse Heidegger ließ sich in der Tiefe der offenbar bisher noch nie erlebten Gefühle sogar dazu hinreißen, ihr Liebesbriefe zu schreiben. Ihre kulturellen Interessen trafen sich in der gemeinsamen Begeisterung für Rilke, Thomas Mann, Bach und Beethoven und ihre Gesprächen über Plato, Sokrates und Heraklit blieben Hannah Arendt zeitlebens in Erinnerung - und beinflußten wesentlich ihre Sicht der attischen Philosophie. Tatsache ist aber auch, daß Heidegger - so abhängig er von Hannahs Liebe auch sein mochte - von Anfang an seine Dominanz als reifer Mann und nicht zuletzt Lehrer gegenüber der sehr jungen Frau und Schülerin ausspielte.
Heidegger hielt sich zunächst zwei Monate lang gegenüber seiner Studentin zurück, bis er sie in sein Büro einlud. Hannah Arendt war von der intellektuellen Brillanz absolut fasziniert und das Leuchten des Genialischen in den Worten und der Erscheinung des Bauernsohns mit dem breiten Dialekt ließ sie sich unwiderstehlich zu Heidegger hingezogen fühlen, ein einige Tage später von Heidegger verfaßter Brief deutet den Beginn eines intimen Verhältnisses an. Einerseits mag die Art und Weise, mit der er der Beziehung zu Hannah Arendt nachging und sich zugleich Familie und Arbeit widmete, auf eine zwar kraftvolle Persönlichkeit, egozentrische und skrupellos hinweisen, so jedenfalls sieht das Elzbieta Ettinger (siehe hier) in ihrem Buch "Hannah Arendt - Martin Heidegger. Eine Geschichte". Diese Art und Weise schloß aber auch ein aus heutiger Sicht hochkomisches Verhalten inklusive verschlüsselter Botschaften mit der an- bzw. ausknipsten Wohn- oder Arbeitszimmerlampe und minutengenauen Terminvereinbarungen der beiden Genies ein.
Hannah Arendt wiederum - obwohl sie bereits damals für ihre leidenschaftliche, mitunter auch exzentrische Unabhängigkeit bekannt war - durchschaute Heideggers Dominanzbedürfnis zunächst nicht. Ettinger versteigt sich in ihren o.g. Buch zu der Behauptung, Heiddegger habe es geschafft, Hannah Arendt "zu unterjochen". Ich denke, das ist schlicht Blödsinn. Es sollte nämlich einerseits berücksichtigt werden, daß für Hannah Arendt Heideggers Status als angehender Superstar der Philosophie, die Aura des genialen Denkers und nicht zuletzt des aus ihrer Sicht reifen Mannes eine nicht zu unterschätzende Rolle für ihre Zuneigung, mithin das Verhältnis gespielt hat, der letzte Gesichtspunkt dahingehend von einiger Bedeutung gewesen sein, indem Heidegger für sie resp. in ihrer Vorstellung die Rolle einer väterlichen Ersatzfigur annahm. Andererseits war Hannah Arendt zu diesem 19 Jahre alt und mithin eine zwar junge, aber eben auch erwachsene Frau und als solche hätte ihr klar sein können, daß bei einem Mann, der seine Frau in dieser Weise hintergeht, weder Integrität noch Loyalität herrausragende Charaktermerkmale sein können.
Als ihm das Verhältnis zu Arendt in Hinsicht auf seine Karriere für ihn brisant zu werden schien, drängte Heidegger darauf, daß sie Marburg verläßt und 1926 zog sie nach Heidelberg, um bei Karl Jaspers, den Heidegger ihr anempfohlen hatte, ihre Promotion zu absolvieren. 25 Jahre später schrieb Hannah Arendt an Heidegger in einem Brief, sie sei ausschließlich seinetwegen aus Marburg weggegangen. Mit voller Absicht verschwieg sie Heidegger ihre neue Adresse, was wohl der Versuch war, ihre Autonomie ihm gegenüber wiederzugewinnen. Heideggers Bestreben allerdings galt eventuellen Möglichkeiten, wieder mit ihr in Kontakt zu kommen. Schließlich schaffte er es, seinem Studenten Hans Jonas, der mit Arendt befreundet war, ihre Adresse abzuschwatzen und Hannah Arendt ließ sich erneut auf Treffen mit Heidegger ein. Allerdings wurden im Laufe der Zeit die Treffen immer seltener und ihr Briefwechsel immer sporadischer, wobei Heidegger sich vorbehielt zu entscheiden, wann Hannah ihm schreiben durfte, was sie zunehmend den Eindruck gewinnen ließ, sie schreibe diese Briefe auf Befehl, wie sie es nannte. Es war wohl so, daß Hannah Arendt dem Fuchs, wie sie ihn nannte, offensichtlich nicht gewachsen war. Das erklärt aber nicht, warum sie mit ihren immerhin 22 Jahren nicht in der Lage war, diese merkwürdige und in guten Teilen für beide unwürdige Beziehung von sich aus zu beenden und stattdessen alle Ausreden für Heideggers mitunter länger anhaltendes anhaltendes Verstummen mehr oder weniger widerspruchs- und umstandslos akzeptierte. Gute zwanzig Jahre später allerdings charakterisierte sie Heidegger als einen Menschen, "der notorisch immer und überall lügt, wo er nur kann", was zwar angesichts Heideggers Opportunismus im sog. "Dritten Reich" verständlich, nichtsdestotrotz einigermaßen ungerecht war. Es folgten, wie hier auch gezeigt wird, später noch andere Urteile dieser Art von Hannah Arendt über Martin Heidegger - insgesamt kann man sagen, daß ihre Emotionen für ihn bis ihrem Tode ebenso intensiv wie ambivalent blieben.
In der Mitte des Jahres 1928 meinte Heidegger, das Verhältnis zu Hannah Arendt nicht mehr fortsetzen zu können. Sein Lehrer und Mentor Husserl hatte ihn wissen lassen, daß Heidegger als sein, Husserls, Nachfolger auf den Freiburger Lehrstuhl berufen würde. Mit dem eben erschienenen "Sein und Zeit" hatte er den vorläufigen Höhepunkt seiner Philosophenlaufbahn erreicht. Da erschien ihm das Risiko, daß sein Verhältnis zu einer Studentin publik werden könnte, als zu großer Unsicherheitsfaktor. "Ich liebe Dich wie am ersten Tag - das weißt Du und das habe ich immer gewußt" antwortete Hannah Arendt auf Heideggers Abschiedsbrief.
Im September 1929 heiratete Hannah Arendt den später als Günther Anders bekannt gewordenen Günther Stern, einen Studenten Heideggers. Allerdings war ihr selbst bewußt, daß diese Hochzeit nicht der Liebe, sondern purem Eskapismus geschuldet war: "Ich war, als ich aus Marburg fortging, fest entschlossen, nie mehr einen Mann zu lieben, und habe dann später geheiratet, irgendwie ganz gleich wen, ohne zu lieben, weil ich ja nichts für mich erwartete." Im Grunde benutzte Hannah Arendt Günther Stern, um von Heidegger weg- und über ihn hinwegzukommen. Stern war zu dieser Zeit mit seiner Habilitationsschrift über Musikphilosophie befaßt, der aber die von ihm erhoffte Anerkennung versagt blieb, und er entschloß sich schließlich, als seine Habilitation - übrigens aufgrund des Einspruchs von Adorno - nicht angenommen wurde, als Journalist zu arbeiten. Hannah Arendt indess sammelte Material für eine Biographie über Rahel Varnhagen, die ihr erstes, eigenständiges Werk wurde, daß den reifenden Genius erkennen ließ. So lebten beide, wie viele andere Studenten das damals wie heute auch tun - mehr oder weniger von heute auf morgen und das von der Hand in den Mund. Die Sterns wohnten in Berlin, zogen dann erst nach Frankfurt und schließlich wieder zurück nach Berlin, wo nun auch Günther Sterns beachtliche, journalistische und literarische Laufbahn ihren Anfang nahm.
Über Günther Stern lernte Hannah Arendt die marxistischen Philosophen der "Frankfurter Schule". Schon damals wurde die durchaus beidseitige Antipathie, die letztendlich einen philosophischen Antagonismus zur Frankfurter Schule ausdrückte, sehr deutlich. Folgerichtig wurde in den 60igern des 20. Jahrhunderts von der deutschen Linken das von Marx auf Hegel bezogene Diktum von der "toten Hündin" auf Hannah Arendt adaptiert. Nach einer langen Zeit der heute freimütig bekannten Dialogverweigerung seitens der Frankfurter Schule und ihrer Adepten und Epigonen begann man nach dem Wegbruch der ideellen Bezugspunkte im Osten einige Momente von Hannah Arendts Denken zu assimilieren, ohne auch nur im Ansatz das Potential ihrer Phänomenologie des Politischen verstehen zu können oder auch nur zu wollen. Immer wieder aufs neue verblüffende Beispiele grotesken Mißverstehens und nachgerade abenteuerlicher Fehlinterpretationen liefert der nunmehr selbsternannte Terrorspezialist Jürgen Habermas, so auch zum Beispiel in einem "Faktizität und Geltung" von 1992. Es sei aber zur Ehrenrettung der deutschen Linken angemerkt, daß Hermann L. Gremliza und sein Konkret-Verlag hier eine löbliche Ausnahme darstellen, die dort erschienen Beiträge in Sachen Arendt sind ohne Ausnahme lesenswert.



