Szeneberichte
Satanisten! Ja wo laufen sie denn?
Teil 7: Dämonen, Monstren und Mutanten
Teil 7: Dämonen, Monstren und Mutanten
Satanisten! Ja wo laufen sie denn?
Teil 7: Dämonen, Monstren und Mutanten
| Die Religion stützt sich vor allem und hauptsächlich auf die Angst. Bertrand Russell |

In den schon mehrfach angeführten und zitierten Büchern und Broschüren zielt neben diversen anderen Kritikern besonders Christiansen, gelegentlich und besonders für härtere Spielarten auch Fromm, immer wieder auf Gruppen und Bereiche ab, die nichts mit Satanismus zu tun haben und auch nichts zu tun haben wollen, die aus der Sicht der beiden Sachverständigen aber irgendwie dazu passen, weil sie geeignet sind, an Urängsten, Trieben und andere Manifestationen des limbischen Systems manipulativ zu wirken. Zu diesem Zweck führen sie Beispiele aus dem Bereich der Vorstellungs- und Fantasiewelt von Gothic und Dark Wave an und rutschen dann über die sogenannte Schwarze Szene und die Fetischszene bis zum Vampirismus und dämonologischen Sujets. Da gruselt sich der guten Christ natürlich ordentlich einen weg, ich fürchte, der Mumpitz bringt sogar Auflage für die Damen und Herren Kritiker. Mir geht es in diesem Abschnitt darum, einmal etwas näher zu beleuchten, was es mit den horribel-dämonischen Szenarien und Staffagen auf sich hat.
Die Charaktere des klassischen Horrorgenres stellen in der Regel verfremdete und überzeichnete Manifestationen von Archetypen dar und sind der mitunter absichtsvoll, meistens aber unbeabsichtigt karrikierende Versuch, Bilder aus den individuellen Schattenwelten beziehungsweise dem kollektiven Unbewussten mit künstlerischen Mitteln visuell manifest werden zu lassen, sie quasi ins bewusstsein zu übertragen. (Die Begriffe Archetyp, Schatten und kollektiv Unbewusstes sind hier streng im Sinne der Beschreibungen nach C.G. Jung zu verstehen.) Damit haben diese Charaktere dieselben Wurzeln wie die archaischen Götter und Wesenheiten der nichttranszendierten Kulte, aber auch transzendierter Religionen und folgerichtig findet sich diese oder jene dieser Gott- und Wesenheiten in der Staffage des klassischen Horrors wieder. Ob bösartige Mischwesen aus Mensch und Tier wie die Empusa, die Gorgonen oder die Satyrn aus der griechische Mythologie und Faunus aus der römische Mythologie, dämonische Wesenheiten wie Asasel (altes Testament) und Ashmodai (Apokryphen) oder auch sexuelle Angstprojektionen wie die Succubi und Incubi (spätmittelalterliches Christentum und danach, Benedikt XIV. meinte, in den den Succubi und Incubi gefallene Engel ausgemacht zu haben) - sie alle finden sich in den Charakteren des klassischen Horrorgenres wieder. Ohne die Erinyes der griechischen Mytholgie, die als Vampire im slawischen und osteuropäischen Volksglauben zu finden sind, ist das klassische Horrorgenre kaum vorstellbar.
Der überzeichnend-karrikierende Effekt des modernen Horrorgenres resultiert aus der Transformierung dieser alten, teils archaischen Typen und Muster in die banale Welt des Massenkonsums und der Profitmaximierung, also in unsere westlichen Lebens- und Wirtschaftsbedingungen - wo diese Typen und Muster mit den von diesen Bedingungen selbst generierten Kreaturen und Freaks horribler Natur konkurieren und letztere die archetypischen oder auch nur archaischen Charakteristika der alten Typen und Muster adaptieren, während diese andererseits in den Sog der systemimmanenten Beliebigkeit geraten. Das Resultat sind skurrile Mischfiguren, die seit geraumer Zeit durch die esoterisch-okkulten Plauderstuben geistern, aber auch die Praxen der weniger seriösen Psychologen und die Welt der Unterhaltungsmedien bevölkern. Eine der ersten und die ohne Zweifel bekannteste Figur dieser Art hat Mary Wollstonecraft Shelley geschaffenen, die mit ihrem 1818 erschienen Buch Frankenstein. Or, The Modern Prometheus [30] als Schöpferin des modernen Horrorgenres gilt - die Internet Movie Database (IMDb) zählt 46 Verfilmungen ihrer Romanvorlage. [31]
Die Frankensteinstory der Mary Shelley hat trotz des Buchtitels allerdings herzlich wenig mit Prometheus zu tun - diese Parallele zum "Lichtbringer" der antiken Mythologie ist der damals weit verbreiteten und bis heute anhaltenden, euphemistischen Sicht auf unsere, seinerzeit gerade im Entstehen begriffene, westliche Lebens-und Wirtschaftsweise derjenigen geschuldet, die von ihr profitieren und welche zugleich diejenigen sind, die den hiesigen, gesellschaftlichen Diskurs dominieren. In diesem Sinne übertrug Mary Shelley vielmehr den alten talmudistisch-kabbalistischen Mythos vom Golem als einer, in gottgleicher Anmaßung menschengeschaffenen, erst dienstbaren und dann revoltierenden Monstrosität in die Welt des durch die kapitalistischen Wirtschaftsbedingungen technisch - damals noch ausschließlich mechanisch - Machbaren und zog den eigentlich schon transzendierten Mythos zurück auf die Ebene potentieller, materieller Möglichkeiten. Indem sie solcherart das sozusagen chronische Angstpotential, das der Figur wegen der hinter ihr stehenden, archaisch-archetypischen Muster innewohnt, um das quasi akute Angstpotential der modernen Industriegesellschaft erweiterte, wurde der Grusel einerseits trivialisiert und erfuhr andererseits eine neue Qualität, denn nun war er wirklich in der Realität der westlichen Lebenswelt angekommen. Dieser Umstand hat bis dato durch den Holocaust, "medizinische" Experimente an Menschen in deutschen Konzentrationslagern und die Euthansie-Ideologie einerseits und - ohne beides hiermit in einen direkten Zusammenhang bringen zu wollen - die Möglichkeiten von Bio- und Gentechnologie andererseits mehrere, qualitative Steigerungen erfahren und so bevölkern mittlerweile ganze Legionen von Monstren, Mutanten und Zombies die westliche Phantasiewelt, die nichts anderes repräsentieren als die Ängste vor der selbstgeschaffenen Welt, vor den horriblen Konsequenzen des eigenen Tuns - und damit der Angst der Bewohner dieser Welt vor sich selbst. Hiermit ist im Wesentlichen auch der Unterschied zu den Astaroths, Kingus und Wendigos, kurz all den Dämonen und Dämönchen, den Höllengrafen und Fürsten der Finsternis klassischen Zuschnitts beschrieben. Die sind die mystifizierende Reaktion auf das, was dem Menschen in ihm selbst und außerhalb seiner Person als gesetzt und gegeben, aber rational nicht wirklich hinreichend erklärbar, nichtsdestoweniger unbedingt erklärungsbedürftig erschien. Die Dämonen und Dämönchen neueren Zuschnitts, all die Zombies, Mutanten und Freaks, sind selbstgeschaffen und das potentielle Ergebnis eigenen Tuns des Menschen. Nicht unerwähnt bleiben soll der Umstand, dass unsere Lebens- und Wirtschaftsweise natürlich soziale Konsequenzen hat, in deren Ergebnis es einem durchaus passieren kann, dass man einem solchen Freak zum Beispiel in der U-Bahn begegnet - oder man unter entsprechenden Umständen selbst zu einem Freak wird. Das kann schneller gehen, als manchem lieb ist, und die extremen Fälle wie Stagger Lee, Harmann, Manson finden, teils noch zu Lebzeiten, selbst ihr Plätzchen in der Monstren-Staffage.
Wenn Musiker sich des Sujets annehmen, ergibt das oftmal erstaunlich faszinierende und komplexe Ergebnisse. Einer, dessen de facto ganzes Werk sich der musikalischen Umsetzung horribler Szenarios widmet und der es regelmäßig richtig krachen lässt, ist Rob Zombie. Er setzt an genau dieser Stelle - insbesondere am potentiellen, de facto selbstinduzierten Freak-Sein - an und sattelt auf dieses Phänomen eine gehörige Portion drauf. Er perfektioniert es in seiner medialen Präsentation, remystifiziert und überhöht es dabei maßlos - und trivialisiert es zugleich durch die umfassende Merkantilisierung des Endprodukts. Er macht es mit der effizienten Nutzung aller ihm zur Verfügung stehenden, künstlerischen Mittel und technischen Möglichkeiten - insbesondere seiner schrägen, die Hörgewohnheiten öfter mal verwirrenden, aber perfekt arangierten und extrem kraftvollen Musik, die seit White Zombie von Anfang an die jeweils modernsten elektonischen Mittel und Sample-Techniken nutzt, ohne auf die ungestüme Kraft von Gitarre, Bass und eines konventionellen Schlagwerks zu verzichten. In seinen gigantischen Bühnenshows wird das Resultat solcherart präsentabel, dass der Konsument eigentlich kaum anders kann, als das Ergebnis fasziniert zur Kenntnis zu nehmen.
An dieser Stelle sind regelmäßig zwei Reaktionen zu beobachten. Die eine ist ein mehr oder weniger hiesiges Phänomen, das eine gewisse Studienratsmentalität oder/und eine Neigung zum unbedingten Gutmenschsein voraussetzt und das den Begriffen "Kulturnation" und "Leitkultur" zuzuordnen ist. In diesem Kontext, in dem sich auch die meisten Liebhaber deutscher Sonntagsfeuilletons tummeln, wird Rob Zombie als Trash abgetan, wobei hierzulande - das ebenso hartnäckige wie beliebte Ressentiments pflegend - in diesem Zusammenhang gerne das Adjektiv "amerikanisch" zur Anwendung gebracht wird. Natürlich kultiviert Rob Zombie Trash, er hat nie behauptet, etwas anderes zu tun - aber es ist der Trash der Zivilisationsform, in der wir alle leben, die wir alle mehr oder minder stützen und in der die meisten es sich unter Inkaufnahme eben dieses Mülls recht kommod eingerichtet haben. Das will natürlich keiner der Beteiligten hören und so kommt es gelegentlich vor, dass die ganz besonders Klugen unter den Kommentatoren meinen, den Begriff vom "white trash" zur Anwendung bringen zu müssen. Leider hält sich die Sachkenntnis dieser ganz besonders klugen Kommentatoren in aller Regel in sehr überschaubaren Grenzen. Was im Ergebnis aber auch egal ist, denn denen geht es eh nur um das Ventilieren von Aversionen und Ressentiments und um Denunziation des "Andersseins" als akute und manifeste Gefahr für das eh schon arg wankende Kartenhaus vorgeblich christlicher Werte.
Das andere Reaktionsmuster steht im Kontext amtskirchlicher Lufthoheit über die Köpfe der Menschen, in dessen Umfeld unsere gefiederten Freunde von der bestallten oder selbsternannten Kritikerfraktion herumflattern und heftig mit den Flügeln schlagend glaubenszersetzendes Treiben, satanistische Umtriebe, kurz Teufelswerk ausmachen. Wobei anzumerken ist, dass Rob Zombie, offensichtlich mit großem Spaß an der Sache, dieses Klischee ebenso überzogen bedient, wie das sein Werk grundsätzlich kennzeichnet, so dass eigentlich auch all die neuzeitlichen Liebhaber inquisitorischer Befragung merken sollten, dass ihnen da einer mit Begeisterung eine ziemlich lange Nase dreht.
Wie dem auch sei - wenn er, der Konsument, bei der Begegnung mit Rob Zombies Werk allerdings genauer hinsieht bzw. -hört, kann er jedoch ihn wesentlich determinierende Facetten seiner selbst in seiner Rolle als Freak einer Spookshow wahrnehmen, deren zentrale Fetische Ware, Geld und Wohlstand heißen. Wenn er genauer hinsieht...
Neidthard Kupfer © Juni 2007, editiert Juni 2010



