Szeneberichte
Satanisten! Ja wo laufen sie denn?
Denk- und Merkwürdiges über deutsche Weltanschauungsbeaufragte
Denk- und Merkwürdiges über deutsche Weltanschauungsbeaufragte
Denk- und Merkwürdiges über deutsche Weltanschauungsbeaufragte...
...und die Objekte ihres Interesses, die deutschen Esoteriker und Okkultisten
Ursprünglich war der hier vorgelegte Text als erläuternde Anmerkung zu einem Text über Ozzy Osbournes Leben und Werk gedacht, weil er - wie andere hier vorgestellte Musiker und Bands auch - immer wieder von den Sektenjägern als exemplarische Demonstrationsfigur in Sachen "Satanismus" und "Jugendverführer" mißbraucht wird. Doch mit der Recherche im Internet und während des Schreibens wurde bald klar, daß es nicht bei der Erstellung einer Anmerkung bleiben kann und wird, daß die Komplexität des Themas einen separaten Text braucht, der hiermit nun vorliegt.
Ich habe dabei einige Sachverhalte und Umstände außer acht gelassen. Beispielsweise wäre es durchaus eine eigene Erörterung wert, wie sich der heilige Eifer sozialdemokratischer Politiker wie Renate Rennebach bei der Verfolgung von Sekten aller Art mit den Verbindungen von SPD-Politikern zum sogenannten "Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands" in Einklang bringen läßt. [Siehe auch hier.] Die "Freireligiösen" berufen sich auf Ideen eines Dietrich Bronder und standen unter dessen Führung - eines Alt- und Neunazis, der sich noch 1990 rühmte, 1933 als SA-Mann an der Erstürmung des Magnus-Hirschfeld-Instituts durch den entfesselten SA-Mob teilgenommen zu haben. (Es ist mir auch nicht bekannt, daß sich der unten etwas ausführlicher erwähnte Herr Fromm, dem ansonsten das Aufspüren rechtsradikaler Tendenzen in der Esoterik und im Okkultismus Herzensangelegenheit ist, dieser Thematik angenommen hätte.) Außer acht gelassen wurde auch die Nachkriegskarriere des im Text erwähnten "Stubaf" Six in der Organisation Gehlen, aus welcher der heutige Bundesnachrichtendienst hervorging, und sein Wirken als Referent zur Schulung deutscher Industriemanager. Das alles sei hiermit nur am Rande notiert, es wäre eine eigene Abhandlung wert.

Einige Musiker und Bands sowie ganze Stilrichtungen der Rockmusik werden regelmäßig von selbsternannten oder aus Steuergeldern finanzierten Sektenjägern mißbraucht, um ihre obskuren Horrorszenarien angeblicher Gefahren für Leib und Seele der deutschen Glaubensgemeinschaft zu illustrieren. Man könnte es sich einfach machen und feststellen, daß die Amtskirchen einfach nur neidisch sind, denn das, was da hin und wieder die Frohe Botschaft mit Hilfe pop- und rockmusikalischer Mittel zu verkünden versucht, ist einfach nur eine Zumutung, und zwar in jeder Hinsicht. Therion (sind zwar keine Satanisten, werden aber kurzerhand als solche geführt) oder Dimmu Borgir (sind sogar bekennende Satanisten) auf der Bühne machen halt sehr viel mehr her als die Auftritte feuchter Handtücher im Auftrag des Herrn.
Weniger salopp formuliert sind der - nicht zuletzt auch merkantile - Erfolg und die außerordentliche Popularität der Musiker und Bands den Amtskirchen Synonyme für eine manifeste Bedrohung ihrer Interessen an der deutschen Glaubensgemeinde. Beides steht aus ihrer Perspektive stellvertretend für den immer stärker werdenden Eingang in ihren Augen "satanistisch" geprägter Attitüden und Stilelemente in den Mainstream der Popkultur, man denke da an Bands wie HIM oder an Marilyn Manson. Das populärste Beispiel ist Ozzy Osbourne, und zwar mit seiner Musik, seiner alljährlichen Großveranstaltung Ozzfest und der ebenso albernen wie sympathischen Dokusoap The Osbournes. Letztere hat nämlich via MTV nicht nur Einzug in die Kinderzimmer gehalten, sondern auch in die Wohnzimmer der Joschka-Fischer-Generation, die vor dem Fernsehgerät in seliger Erinnerung an mehr oder weniger wüste Partys zum Black-Sabbath-Sound schwelgt - und natürlich ins deutsche Feuilleton, den natürlichen Lebensraum der Trendforscher. Die auf das Mediale in jeder Erscheinungsform verlegte Satanistenhatz, die ja, wenn man die Klassifikationskriterien der sogenannten Weltanschauungsbeauftragten der Amtskirchen in Rechnung stellt, eine Jagd auf so ziemlich alle Esoteriker darstellt, ist offenbar zu guten Teilen und in dieser Form ein deutsches Phänomen. Ozzy Osbourne sorgte immer wieder für Schlagzeilen und stand schon immer im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, wobei der Spannungsbogen vom Inbegriff des Bösen schlechthin, dem dämonischen Satanisten in Reinkultur, bis zum mystisch-okkulten Jugendverführer reichte. Heute reicht er wesentlich weiter, ohne daß Ozzy seine Musik, die ist mystisch-okkulter denn je, und seine Haltung wesentlich geändert hätte - nämlich bis hin zum fürsorglichen Familienvater mit einem Faible für Haustiere. Nichtsdestoweniger findet sich Ozzy heute auf Präsidentengalas, Gouverneursparties und als gern gesehener Stargast bei Talkshowgrößen wie Jay Leno und David Letterman wieder.
Auch die Skandinavier sind da wesentlich offener und so wurde zum Beispiel Christofer Johnsson, Sänger, Gitarrist und Mastermind von Therion, zum lebenslangen Mitglied der schwedischen Wagner-Gesellschaft berufen - ein hierzulande undenkbarer Vorgang. Für Studioaufnahmen werden der Band seltene Instrumente, wie zum Beispiel das Wagner-Horn, inklusive der sie spielen könnenden Orchestermusiker von der Staatsoper zur Verfügung gestellt. Bis 1996 konnte Therion noch den NDR-Chor mieten, nach Theli wurde die Zusammenarbeit aufgekündigt, als der Dragon Rouge, Johnsson's okkulter Orden, bekannter wurde und ins Blickfeld der Sektenjäger geriet. Als Dimmu Borgir die CD Puritanical Euphoric Misanthropia aufnahm, wurden der Band das Haus und die Streicher der Göteborger Staatsoper zur Verfügung gestellt und 2004 wurde sie mit dem norwegischen Pendent zum Grammy geehrt. Sie sind für die Norweger integraler Bestandteil ihrer nationalen Musikkultur.
Hierzulande verhält sich das grundlegend anders. Zwar garantiert das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland in Artikel 4, Absatz 1 "die Freiheit des Glaubens, des Gewissens" und die Unverletztlichkeit der "Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses", womit aber eine Freiheit garantiert wird, die einem sowieso keiner wirklich nehmen kann - nämlich zu glauben, was man gerade lustig ist. Dem folgt als Absatz 2 die - zumindest für ein Gesetz - merkwürdig unscharfe Formulierung "Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet." So weit, so seltsam. Was nun allerdings die Frage aufwirft, ob es tatsächlich angemessen ist, von ungestörter Religionsausübung zu sprechen, wenn die solcherart ihre Religion Ausübenden sich permanenter Nachstellungen durch allerhand selbsternannte oder aus Steuergeldern finanzierte Sektenjäger ausgesetzt sehen, sofern ihre Religionsausübung nicht in den Kontext der staatlich anerkannten Großkirchen paßt. Nicht zuletzt um genau dieser Frage auszuweichen, bedienen sich diese Sektenjäger einer seit Jahrhunderten bewährten Methode - der vorsätzlich falschen Kategorisierung mit nachfolgender Kriminalisierung der Objekte ihres oft durchaus manisch anmutenden Interesses.
Das Schlüssel- und Schlagwort dazu lautet Satanismus. Was ist Satanismus eigentlich? Satanismus ist heute in Deutschland in erster Linie ein Kampfbegriff - und zwar ein auf beiden Seiten der Glaubensfront arg strapazierter. Er ist den deutschen Amtskirchen zugleich ein Totschlagargument gegen Andersdenkende und -glaubende. Man nennt benennt diejenigen als Satanisten, deren Ansichten, Glaube und Lebensführung vermeintlich oder tatsächlich den eigenen Anschauungen und Dogmen zuwiderlaufen - wobei es völlig gleichgültig ist, ob die Betreffenden sich selbst so definieren - und bezichtigt sie diverser Verbrechen oder unterstellt ihnen per se und in toto wenigstens die potenzielle Neigung, solche zu verüben. Dabei ist die Abscheulichkeitsgrenze nach oben offen - nichts ist zu obskur, absurd, obszön, pervers, um nicht angeblich vom Satanisten als solchem begangen zu werden. Damit ist den Anklägern, die in Erinnerung an frühere Zeiten gerne auch noch Richter und Henker in Personalunion wären, erwiesen: Er, der Satanist, ist nicht nur per se böse, sondern er ist Teil des Bösen an sich - und er kann, darf und muß mit gutem Gewissen vernichtet werden.
Dabei ist den selbsternannten oder von den Amtskirchen ausgehaltenen Sektenjägern vollkommen gleichgültig, daß Deutschland mit dieser quasi offiziellen Haltung im eigenen Kulturkreis mittlerweile eine Inselposition einnimmt, denn Satanismus und Wicca beispielsweise sind in Großbritannien und den USA anerkannte Religionen, Asatru ist beispielsweise in Island eine anerkannte Religion. Völlig gleichgültig ist ihnen die Studie der Universitätspsychologen Gail S. Goodman, Phillip R. Shaver, Jianjian Qin und Bette I. Bottoms (Qin, J. J., Goodman, G. S., Bottoms, B. L., & Shaver, P. R., Repressed memories of ritualistic and religion-related abuse, 1998), für die mehr als 1.200 Anschuldigungen untersucht und über 11.000 Personen befragt wurden. Für keinen einzigen Fall konnten Beweise oder wenigstens irgendwie nachweistaugliche Anhaltspunkte für "satanistischem rituellen Missbrauch" gefunden werden. Ihnen sind auch die Ergebnisse der umfangreichen, vom US-Senat dem FBI bzw. dem National Center for the Analysis of Violent Crime unter Leitung von Kenneth V. Lanning, der seit 1981 auf dem Gebiet forscht, übertragenen Untersuchungen in Sachen "ritueller Mißbrauch" vollkommen gleichgültig. Der Bericht kam 1992 zu dem Ergebnis, daß es keine brauchbaren Beweise für auch nur einen solchen Mißbrauchsfall gibt.
http://www.rickross.com/reference/satanism/satanism1.html
http://www.smwane.dk/content/view/28/28/
http://www.religioustolerance.org/ra_rep03.htm
http://shaver.socialpsychology.org/
Diesen Untersuchungen vorausgegangen war ein regelrechter Satanismus-Hype in der Mitte der 80iger Jahre, der von christlichen Fundamentalisten in Szene gesetzt und von den Medien kurzzeitig aufgegriffen worden war. Das Resultat waren teils hysterische Zustände in der Bevölkerung und jede Menge Anzeigen angeblicher ritueller Gewalttaten. Bis hierher ist das Szenario hiesigen Verhältnissen sehr ähnlich. Nun aber kommt der wesentliche Unterschied: Die US-Regierung entschloß sich, das Phänomen von sachkundigen Experten überprüfen zu lassen, was als Ergebnis die oben zitierten Berichte erbrachte.
In Deutschland hingegen wird das, was Aufgabe der Administration wäre, ausschließlich Laien überlassen, die zwar überaus ambitioniert, aber keineswegs sachkundig sind und die fehlende Sachkenntnis durch religiösen und/oder ideologischen Eifer zu kompensieren versuchen. (Daß an der Erstellung einer Broschüre mit dem Titel "Brennpunkt Esoterik" für eine Arbeitsgruppe der Hamburger Innenbehörde ein Professor Hartmut Zinser mitgewirkt hat, will nach meiner Sicht der Dinge nicht viel heißen. Einerseits halte ich die "Religionswissenschaft" nicht wirklich für eine Wissenschaft, sondern für eine optimalerweise bezahlte Freizeitbeschäftigung. Andererseits ist Herrn Zinsers Beitrag zu dem Heftchen eine Sammlung von Platitüden und Binsenweisheiten, garniert mit allerhand Beschreibungen esoterischer Praktiken, die sich lesen, als hätte er sie sich während der Wartezeit beim Zahnarzt aus dem dort ausliegenden Stapel Frauenzeitschriften a la "Bild der Frau" angeeignet. Hat er natürlich nicht, sondern vermutlich hat er die Zuarbeiten studentischer Hilfskräfte und Assistenten verarbeiten lassen, wie das im universitären Betrieb halt so üblich ist.) Diese Laien sind deshalb Laien, weil sie in aller Regel und im Gegensatz zu den oben angeführten Beispiele aus den USA weder Psychologen noch Soziologen oder Kriminalisten, sondern Theologen sind wie beispielweise der Herr Gandow. Diese werden von den Amtskirchen als sogenannten "Weltanschauungsbeauftragte" bestallt und bezahlt, wobei man sich gelegentlich klarmachen sollte, daß dieser begriffliche Topos in institutionalisierter Form das erste Mal in der Geschichte im Nationalsozialismus auftaucht, und zwar gleich zweimal in der Organisationsstruktur des sogenannten "Reichssicherheitshauptamtes" der SS - einmal im Amt IV (Gestapo) unter Heinrich Müller in der Abteilung IV B - Sekten unter Alfred Hartl (dem unter IV B 4 auch Adolf Eichmann unterstand) und ein zweites Mal im Amt VII (Weltanschauung) unter Franz-Alfred Six. Heute haben die katholische Amtskirche ihre, bezeichnenderweise den Seelsorgeämtern beigeordneten, Koordinationsstellen bzw. Referate für Religions- und Weltanschauungsfragen, die evangelischen Landeskirchen halten sich ihre sogenannten Weltanschauungsbeauftragten.
Doch selbst wenn sich jene, die man hierzulande für Profis hält, in Sachen "Satanismus" zu Wort melden, ist das Ergebnis oftmals von erstaunlicher Einfalt und mangelnder Kenntnis selbst in offensichtlichen Sachfragen gekennzeichnet. Beispielhaft sei hier ein Axel Petermann zitiert, Leiter der operativen Fallanalyse bei der Polizei Bremen, der dem MDR als einer der "Topleute auf dem Gebiet der Fallanalytik" gilt [Quelle], und zwar mit einem Statement zu einem, von Radio Bremen produzierten "Tatort"-Film mit dem Titel "Abschaum". Man lese dies und vergleiche mit oben verlinkten Aussagen von Kenneth V. Lanning - und bilde sich selbst eine Meinung. Der Text, zu guten Teilen, nämlich in der Typologisierung, schlicht abgeschrieben, wimmelt von sachlichen Fehlern, von denen der ohne Frage erheiterndste der ist, daß Herr Petermann eine Buchausgabe der Erkenntnisse des o.a. Professor Zinser auf München 1933 datiert hat. Das nenne ich mir einen wirklich wirkungsvollen freudschen Versprecher resp. Verschreiber.
In der englischen und französischen Sprache gibt es zu dem Begriff "Weltanschauung" keine adäquate Zuordnung, wir Deutschen haben in unserer Sprache dafür keine für den Begriff "common sense".
Das Ergebnis dieser Politik ist folgerichtig nicht etwa sachgerechte Recherche und Analyse, stattdessen inszeniert man Horrorszenarien, von denen nur zwei Varianten erwähnt seien. Sofern sie sich irgendwie dazu eignen, werden gewöhnliche Schwerstkriminelle und Mörder zu Satanisten stilisiert - wie in den Fällen der "Satansmorde" von Sondershausen und Witten. Zunächst Sondershausen - dort ermordeten Ende April 1993 drei 17-jährige Jugendliche einen 15-jährigen Schüler. Als das seinerzeit durch die Medien ging, nahm ich das zwar zur Kenntnis und störte mich an Ungereimtheiten, aber da sich damals mein Interesse an okkulten Belangen in sehr überschaubaren Grenzen hielt, kümmerte mich der Vorfall nicht weiter. Ich begegnete ihm erst ausführlicher anläßlich der Lektüre des Buches SATAN - Jünger, Jäger und Justiz des Leipziger Rechtsanwaltes Andreas Huettl wieder, der den Sondershausener Ereignissen einen Abschnitt widmet.
Was soll ich sagen - in dem thüringischen Kaff war damals wirklich der Teufel los, allerdings ganz anders, als es das Gericht im Urteil konstatierte und die Medien bis heute ihren Konsumenten weismachen wollen. Bei der Lektüre dessen, was Herr Huettl in Erfahrung brachte, tat sich mir da ein ganz anderer Abgrund auf. Das Böse an und für sich in der Sondershausener Version, die Naziheidensatanistenpagandeathblackmetalcombo der Täter, konnte offensichtlich ziemlich oft und ziemlich ungestört in den Räumen des CVJM üben. Wer es nicht wissen sollte - der CVJM ist der "Christliche Verein Junger Menschen". Das Gericht stellte im Urteil fest: [...] der Angeklagte S. habe ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau und diese erwarte ein Kind von ihm. Dies entsprach der Wahrheit. [...] er selbst kannte die verheiratete Frau, sie war als Katechitin in der Gemeinde tätig [...] Anders formuliert - die Gemeindekatechetin, die zugleich Ehefrau des Kantors war, hatte ein Verhältnis mit Sebastian S, einem der Täter, der zu diesem Zeitpunkt überdies auch noch minderjährig war, und hat sich von ihm schwängern lassen. Als die Ermittlungsbehörden ihre Arbeit abgeschlossen hatten, teilte der zuständige Staatsanwalt das der Öffentlichkeit mit und stellte bei dieser Gelegenheit klar, daß die Ermittlungen keine Hinweise auf kultische oder rituelle Umstände ergaben. Aber da hatte der feine Herr Staatsanwalt die Rechnung ohne den Stellverteter des Herrn in Sondershausen, den Pfarrer, gemacht, der praktischerweise auch noch Vorsitzender des sogenannten "Ausschußes Vergangenheitsbewältigung" war. Lobet und preiset den Herrn! Der wackere Mann Gottes erinnerte sich nämlich offenbar daran, daß der Leibhaftige gern im Gewande kommunistisch unterminierter Obstruktion daherkommt und unterzog kraft eigener Befugnis den Staatsanwalt unter Nutzung des solcherart ganz kurzen Dienstweges einer Stasi-Überprüfung. [Quelle: http://www.kreuzfeuer-verlag.de/2/2_2.htm]
Grundgütiger! Was für eine Gemeinde war das, in der die Täter aufwuchsen? Braucht es unter solchen Umständen in einer Gemeinde, deren Zustand recht eindrucksvoll an das 1. Buch Mose, Kapitel 19 und an Lukas 17,29 erinnert, wirklich noch den Höllenfürsten? Hätte das Gericht, das in der Urteilbegründung die Tat ohne die ständige Beschäftigung mit satanistischem Gedankengut für nicht möglich hielt, bei der Urteilsfindung nicht eher die Verfassung der Gemeinde berücksichtigen sollen, statt sich auf einen vermeintlichen Satanismus zu kaprizieren, der von den Tätern überdies bestritten wurde? Fragen über Fragen ...
Nun zum "Satansmord von Witten" - das Ehepaar Manuela und Daniel Ruda, damals 22 bzw. 25 Jahre alt, hatten am 06.07.2001 einen Bekannten auf brutalste Weise ermordet, angeblich auf Befehl von "ganz unten", nämlich vom Leibhaftigen persönlich. Jeder wird sich an die via TV zelebrierte Show im Gerichtssaal erinnern. Definitiv kein anderer Angeklagter hat sich je eine solche Show leisten dürfen, er hätte den Fortgang seines Prozesses von der Zelle aus betrachten müssen. Kein anderer wird sie sich je leisten dürfen, wenn er nicht für eine derartige Schmierenkomödie eingespannt wird. Für die Rudas gab es Schminke und satanistisch-modische Accessoirs in die Zelle, um eine Staffage zu inszenieren, welche dem Zuschauer das mörderische Potenzial vermeintlicher oder tatsächlicher Satanisten nach allen Regeln der Fernsehkunst suggerieren sollte. Mit großem Erstaunen nahm ich damals die Wandlung der Angeklagten von einem auf alten Bildern eher etwas verwahrlost wirkenden Kleinstadtgruftie zur perfekt gesylten Gothic-Stilikone unter der Obhut einer deutschen Untersuchungshaftanstalt zur Kenntnis. Irgendwer muß der Angeklagten den Friseur, die Kosmetika und die Kleidung zur Verfügung gestellt haben und das geht nicht ohne das Einverständnis der zuständigen Justizbehörden. Manuela Ruda konnte deshalb minutenlang im Gerichtssaal als das in die Kameras posen, was der Bürger unter einem Satanisten versteht, weil der Richter es zugelassen hatte, man kann das heute noch im Internet besichtigen. [Quelle A und Quelle B] Ganz Deutschland glaubt nun, den Satanismus als solchen live und in Farbe erlebt zu haben und die beiden Mörder bekamen, was ihre Anwälte erreichen wollten und was dem Gericht in Anbetracht der Umstände an Milde möglich war - eine Unterbringung in der Psychiatrie. Seit April 2004 kann man eine von Daniel Ruda verfaßte und im Verlag Haag & Herchen erschienene Selbstdarstellungsschmonzette erwerben.
Die ganze Inszenierung war so grotesk, daß sich sogar bei dem einen oder anderen, nun ja, Sachverstädigen Skepsis breit machte. Beispielhaft sei eine Solveig Prass [siehe hier] angeführt, die in Hinsicht auf die Rudas und ihren Prozeß ausführte: "Es ist ein Mord aus niederen Beweggründen, mehr nicht. Erkennbar auch am Schauspiel, das sie bei Gericht aufgezogen haben. Dass die psychologischen Gutachter darauf hereingefallen sind, verwundert mich schon sehr...Sie hatten sich den Deckmantel des Satanismus bereitgelegt, um den Mord begehen zu können und eine Ausrede danach zu haben. Nochmal, sie hätten sowieso jemanden getötet." [Quelle] (Was leider von einer nur partiellen Einsichtsfähigkeit zeugt, denn im selben Interview kann die Dame es sicht nicht verkneifen, die Geduld des Lesers mit altbekannten Klischees zu strapazieren, z.B. bei der Beschreibung "satanistischer" Aufnahmerituale: "Eine andere Gruppe...verlangt das Fangen einer Taube und anschließend muss der Kopf abgebissen werden.", was uns putzigerweise wieder zu Ozzy zurückführt, denn einer seiner berüchtigten Alkoholexzesse [siehe hier] war die Quelle für diesen Mumpitz.)
Die andere Variante zur Generierung von Horrorszenarios wurde uns in Gestalt eines im deutschen Staatsfernsehen, zum Beispiel im NDR am 19. August 2003, als "Dokumentation" präsentierten Fernsehfilms mit dem Titel "Höllenleben - der Kampf der Opfer - Ritueller Missbrauch in Deutschland" vorgeführt. Dort bezichtigt sich eine "schwer traumatisierte" Frau namens "Nicki" der Tötung ihres eigenen Kindes - sie sei von Satanisten missbraucht und gefoltert worden und habe ihr eigenes Kind töten müssen. Irgendwie hat keiner die Frage gestellt, was einen Menschen dazu bringt, sein eigenes Kind töten zu "müssen" und der WDR hat auf seiner Webseite immerhin konstatiert, der Bericht der Frau "klang unglaublich". Aber die Autorin der Dokumentation wußte natürlich Zeugen zu bieten, die "Sandra", "Antje" und "Karin" heißen und "Nickis" Bericht bestätigen. Nur konnte die Polizei, exakter das Bundeskriminalamt, trotz umfangreicher Ermittlungen nicht den Hauch eines auch nur annähernd beweisähnlichen Faktums finden, so daß dem Konsumenten dieser Sendung und anderer, die sich auf "Nicki" beziehen, bis heute de facto unklar ist, ob "Nicki", die jetzt als "Nicki und die Bärenbande" durch die Medien tingelt, überhaupt jemals ein Kind zur Welt brachte. Das veranlaßte beispielsweise den Paderborner Staatsanwalt Ralf Vetter zu dem etwas gewundenen Statement, daß die Ermittlungen sehr schwierig seien. "Es gebe keine eindeutigen Beweise. Auch Ermittlungen des Bundeskriminalamtes seien im Sande verlaufen." Am Rande erwähnt sei, daß sich die Autorin des Filmchens vorher mit einer "Dokumentation" über sogenannte multiple Persönlichkeiten unter Berufung auf die Therapeutin Cornelia Wilbur hervortat, als letztere längst als Schwindlerin und Fälscherin entlarvt war. [Screenshot]. Wer sich das antun möchte, kann sich das z.B. hier ansehen.
Aber auch da gibt es natürlich Experten, die Abhilfe wissen - das Kind wurde natürlich heimlich zur Welt gebracht, von Satanisten gezwungenermaßen, weil die es ja sowieso rituell schlachten wollten. Logisch, oder? Dieser Experte, ein promovierter Politologe und Fernsehjournalist, erwarb erste investigative Meriten als Aufdecker rechtsradikaler Verbindungen im Internet, offenkundig ohne zu merken, daß er damit höchstwahrscheinlich zu guten Teilen einer Veranstaltung des Verfassungsschutzes nachspürte, dessen diesbezügliche Ambitionen im Januar 2002 im Kontext mit dem angestrebten NPD-Verbotsprozeß aufflogen. Daneben hat dieser Politologe und Fernsehjournalist sich schon seit einiger Zeit aufs Okkulte spezialisiert und widmet sich mit derselben, nun ja, Seriosität der Investigation in Sachen "ritueller Mißbrauch" und so kündigte er umfangreiche Aufdeckungen in zahlreichen Fällen inklusive der erforderlichen Beweise an, auf welche nicht nur die Justiz immer noch wartet. Denn es war am 15. Januar 2003, als das ZDF als investigative Reaktion auf den sogenannten "Kannibalenmord von Rotenburg", der absolut nichts mit Esoterik, Okkultismus und deren Ritualen zu tun hatte, einen Streifen mit dem Titel "Kannibalismus in Deutschland" - Untertitel "Hinweise auf grausame Ritualmorde erschüttern Deutschland - ZDF.reporter Rainer Fromm hat recherchiert" - über die deutschen Mattscheiben flimmern ließ. [Quelle] [Screenshot]. Die FAZ konstatierte in Berufung auf den Trierer Oberstaatsanwalt Georg Jüngling: Es gebe konkrete Tatorte und Namen, die überprüft würden. Die Ermittler warteten noch auf die von dem ZDF-Autor Rainer Fromm in der Sendung angekündigte Bereitstellung von Aussagen einer Tatverdächtigen. [Quelle] Die Berliner Zeitung bewertete die Qualität des Filmchens so: Kurz nach zehn verbreitet das ZDF eine Vorabmeldung über einen Bericht in der Sendung ZDF.reporter, die am Abend läuft. Darin gebe es "neue Hinweise auf okkult-rituelle Straftaten in Deutschland". (...) Einen Beweis sucht man vergebens. Den kann auch die Sendung am Abend nicht erbringen, obwohl sie unaufhörlich so tut. (...) Reporter Rainer Fromm kündigt in seinem Beitrag immer wieder an, dass seine Recherchen die "blutige Mordgeschichte stützen". Drei Zeugen, darunter ein kleines Mädchen, berichten von Folterungen, sexueller Gewalt und von zersägten Babys, die anschließend verspeist werden. Dazu gibt es Wackelbilder mit versteckter Kamera, die man aus dem Privatfernsehen der frühen neunziger Jahre kennt und einen wichtigtuerischen Kommentar aus dem Off. Aber keinen einzigen Beleg. (...) [Screenshot]
Rainer "Dreamboy" Fromm ist ein Sonderfall der seltsamen Spezies der Sektenjäger. Er wurde von keinem dazu berufen oder gar als solcher bestallt - er hat offensichtlich eine Marktlücke entdeckt und aus der Inszenierung dieser Horrorszenarien als Infotainment ein Geschäft gemacht. Zu diesem Zweck hat er einen wirklich cleveren Zyklus der Mehrfachverwertung generiert: Er schöpft durch den Verkauf seiner televisionalen Produkte, vorzugsweise an ZDF und MDR, sein erklecklich Portiönchen GEZ- und Steuergelder ab, er tingelt von Veranstaltung zu Veranstaltung, vermarktet das, was er für Bücher hält, und verkauft Videokassetten, zum Beispiel über den Verlag "Matthias-Film: Medien für den Unterricht" einen sogenannten Dokumentarfilm aus dem Jahr 2004 mit dem Titel "Teuflisch gefährlich: Okkulte Praktiken". Der Streifen mit einer Spieldauer von 19 (in Worten: neunzehn) Minuten wird dort für lediglich 110,00 Euro (in Worten: einhundertzehn) feilgeboten. [Quelle A oder Quelle B]. Für Lehrer und Schulen gibt es diese neunzehn Minuten grober Unfug nebst einer sogenannten "Arbeitshilfe" [Quelle] zum Vorzugspreis.
Im selben Verlag zu haben ist das Frommsche Doku-Opus "Satanismus: Zwischen Subkultur und Panikmache" von 1999, das immerhin 20 Minuten Spielzeit aufweist und mit nur schlappen 100,00 Euro zu Buche schlägt [Quelle A oder Quelle B]. Was soll, was kann man dazu noch sagen? Zu fragen bleibt allerdings, ob mal jemand der Frage nachgeht, welche Bildungseinrichtungen für so etwas Steuergelder in welcher Höhe verbraten haben. Die Antwort liefere ich gleich mit. Natürlich tut das niemand, weil das so gewollt und politisch intendiert ist - über den direkten Einfluß der Amtskirchen auf unsere politischen Strukturen.
Interessant ist in diesem Kontext der folgende Sachverhalt. Die Umtriebigkeit der bestallten und selbsternannten Weltanschauungsbeauftragten in Sachen satanistischer Morde hat zwar weder Opfer noch Täter geschweige denn einigermaßen nachvollziehbare Zusammenhänge zutage gebracht, aber immerhin eine Kleine Anfrage im Deutschen Bundestag an die Bundesregierung gezeitigt, nachzulesen in der Drucksache 15/1415 vom 11.07.2003 in der 15. Wahlperiode des Deutschen Bundestages. Dort fragte der offensichtlich äußerst besorgte Abgeordnete Klaus Haupt (FDP): Hält die Bundesregierung angesichts wiederholt im Fernsehen unterstellter mangelhafter Ermittlungskompetenz örtlicher Polizeibehörden bei Straftaten mit satanistischem Hintergrund die Einrichtung einer speziellen Ermittlungsgruppe beim Bundeskriminalamt für sinnvoll, und was unternimmt die Bundesregierung, um gegen satanistisch motivierte Straftaten, die insbesondere gegen Kinder und Jugendliche begangen werden, vorzugehen?
Ihm antwortet Dr. Göttrik Wewer, seinerzeit Staatssekretär im Innenministerium: [...] Hinsichtlich der Straftaten mit vermutetem satanistischen Hintergrund sind die rechtlichen Voraussetzungen zur Errichtung einer speziellen Ermittlungsgruppe zur Aufklärung dieser Straftaten nicht gegeben. [...] Die in der schriftlichen Anfrage unterstellte "mangelhafte Ermittlungskompetenz örtlicher Polizeibehörden" wird im Übrigen vom Bundeskriminalamt nicht bestätigt. Die Wahrnehmung der Thematik "Straftaten mit satanistischem Hintergrund" unter Bezugnahme auf die einschlägige Berichterstattung im Fernsehen bzw. in den Medien deckt sich zudem nicht mit den beim Bundeskriminalamt vorliegenden Informationen. Die Bundesländer haben dem Bundeskriminalamt bisher nur eine geringe Anzahl von Fällen gemeldet, in denen ein satanistischer Hintergrund überhaupt zu vermuten ist. [Quelle]
Nun war ich bis zur Lektüre der aktuellen Ausgabe der Broschüre "Brennpunkt Esoterik", die ich mir im Zuge der Überarbeitung dieses Textes zumutete, der möglicherweise etwas naiven Ansicht, daß eine solche Auskunft von der höchsten zuständigen Behörde des Landes einen auch in rechtlicher Hinsicht einigermaßen verbindlichen Charakter hat, den man zu respektieren hat und man sollte meinen, daß eine solche Auskunft des Innenministers hinreichend sein sollte, den Hang zur ungezügelten Spekulation ein wenig zu dämpfen. Nun ja - das gilt offensichtlich nicht, wenn einer meint, eine Mission zu haben und dazu Ingolf Christiansen heißt, denn der Herr Christiansen verbreitet seine "Erkenntnisse" völlig ungerührt weiter, als hätte es die diversen Statements der Ermittlungsbehörden und der Bundesregierung nie gegeben. In der Auflage Februar 2006 der Broschüre "Brennpunkt Esoterik", die Christiansen zusammen mit den hier schon erwähnten Herren Fromm und Zinser verfaßt hat, führt er auf Seite 126 unter der Überschrift "Ritueller Missbrauch" aus: Tötungen spielen im satanistischen Ritualwesen durchaus eine Rolle. Es ist nicht auszuschließen, dass es in Deutschland wie in den anglo-amerikanischen Ländern in Vergangenheit und Gegenwart zu Ritualmorden gekommen ist. Allein es konnte bisher in der Bundesrepublik noch kein Fall zu Ende ermittelt werden, der bei Gericht eine Anklage, geschweige denn eine Verurteilung zugelassen hätte. Worauf beruht die scheinbare Diskrepanz der Aussagen von betroffenen Ehemaligen über Ritualtötungen und -morde einerseits und den negativen Ermittlungsergebnissen der Strafverfolgungsbehörden andererseits? Nicht immer sind Strafverfolgungsbehörden und ihre Beamte in der Lage zu erkennen, ob eine Straftat (Tötung oder Mord) aus dem Milieu von okkultmotivierten Straftätern stammt. [Quelle]
Man könnte das nun von der lustigen Seite betrachten und den Herrn Christiansen, der sich dem Leser hier einmal mehr als Meister der unfreiwilligen Komik präsentiert, darauf hinweisen, daß Aussagen von betroffenen Ehemaligen über Ritualtötungen, so sie denn wirklich betroffen sind, allenfalls mit okkulten Mitteln zu bekommen sind und die sind weder im Repertoire der Ermittlungsbehörden zu finden noch sind sie als Beweismittel vor Gericht zugelassen. Davon abgesehen finde ich diese Äußerungen des Herrn Christiansen überhaupten nicht witzig, es ist - freundlich formuliert - eher verblüffend, daß Christiansen die von verschiedenen Behörden bis hin zum Bundesministerium des Innern getätigten Aussagen nicht nur ignoriert, sondern allen einfach Inkompetenz unterstellt - und das, ohne auch nur den Hauch eines Indizes, geschweige denn eines Beweises, zu liefern. Verblüffend ist darüberhinaus, daß dies in einer von der Hamburger Innenbehörde herausgegebenen, mithin aus Steuermitteln finanzierten Broschüre geschieht.
Das alles steht in einer historischen Kontinuität im Vorgehen des institutionalisierten Christentums gegen Andersdenkende und -gläubige. Was wir heute erleben, die denunziatorischen Vorwürfe mit dem eindeutigen Ziel der Kriminalisierung, indem man sexuelle Urängste im Menschen bewußt schürt, haben die Kirchen seit ihrer Anerkennung praktiziert. Diese hochmanipulativen Trashstories sind so alt wie die Kirchen selbst. Die Katharer waren angeblich Sodomiten, die Templer waren angeblich Kinderschänder und bedienten sich schwarzmagischer Praktiken, die Juden entführten und schlachteten (sic!) angeblich Christenkinder, die Hexen waren angeblich sexuelle Monster und töteten Christenkinder schon im Mutterleib - also pfählt, verbrennt, ersäuft, vierteilt und rädert sie und was ihnen von übrigbleibt, wird zur Abschreckung vor den Toren der Stadt zur Schau gestellt.
Kritiker der Amtskirchen greifen gerne und oft zum Vergleich mit der Inquisition, um Methode und Zielsetzung dieser Politik zu illustrieren und auch ich kann mir das nicht ganz verkneifen. Aber eines sollte klar sein - hier geht es nicht um die Ehre und das Wort Gottes, was immer das auch sein mag, hier geht es nicht um imperiale Expansion und die Entstehung und Sicherung der Kolonialreiche oder was auch immer die Kirchenhistorie zur Rechtfertigung der Inquisition parat hat. Hier geht es um sehr viel bescheidenere Anliegen, nämlich um die Sicherung von Steuerpfründen und die Herrschaft über die Köpfe wenigstens in Glaubensdingen. Es geht um zahlende Yahoos und nichts sonst. Wir haben es hier nicht mit Innozenz III., Gregor IX. oder Gian Pietro Carafa zu tun, sondern mit Quasi-Beamten, denen ihr Amtsstuhl das Zentrum der Welt und natürlich ihrer Interessen ist. An Letzterem ist nichts per se Verwerfliches, nur allerhand Allzumenschliches - nur geht in diesem Fall die Interessenwahrung ausschließlich auf Kosten völlig unbeteiligter Dritter, und das ohne erkennbaren Nutzen für die Gesellschaft. Meine Hypothese ist, daß bei den Sekten- und Weltanschauungsbeauftragten im Lauf der Zeit derselbe Effekt eingetreten ist, wie er bei allen anderen, institutionalisierten Organen zur Weltanschauungs- und mithin Gesinnungsprüfung und -überwachung anzutreffen war und ist - sie prüfen und überwachen um der Erhaltung ihrer Jobs willen. Verbrämt in einen eigentlich lächerlichen Bedeutungs- und Wichtigkeitspathos müssen Sekten von abscheulicher Bösartigkeit existieren und demzufolge bekämpft werden, denn es kann schlicht nicht sein, daß das Gute, das sie in toto und per se repräsentieren, keine Feinde in Gestalt des Bösen an und für sich und überhaupt hat, denn wo der Herr uns Licht gegeben hat, ist zu unserer Prüfung auch Schatten, nicht wahr? Für die Stasi in der verblichenen Zone hieß das kurz und bündig "Der Klassenfeind schläft nie!" und so, wie die Zonenstasis sich ihre "Klassenfeinde" vielfach kurzerhand erfunden haben, so gerade keine zur Hand waren, so würden - das ist der zweite Teil meiner Hypothese - die Sekten- und Weltanschauungsbeauftragten kurzerhand Sekten erfinden, notfalls gründen, sofern keine zur Observierung und Bekämpfung vorhanden wären.
Natürlich hat auch diese Medaille zwei Seiten und so wenig, wie wir es bei den Sekten- und Weltanschauungsbeauftragten mit Innozenz III., Gregor IX. oder Gian Pietro Carafa zu tun haben, so wenig finden wir auf der anderen Seite, nämlich in der esoterisch-okkulten Szene in Deutschland als Objekt des Interesses der Sektenjäger Hussiten, Lollarden oder Albigenser vor. Da gibt es keinen Giordano Bruno, Hieronymus Girolamo Savonarola, Galeazzo Caracciolo oder Jacques de Molay. Der Zustand dieser Szene ist vielmehr so, daß es eine an Unverschämtheit grenzende Zumutung darstellt, die eben genannten historischen Personen und die eingangs erwähnten Künstler und ihr Werk in einen Kontext mit diesem Panoptikum irrlichternder Figuren stellen zu wollen.
Ich habe in der Zeit, die ich bis dato in der esoterischen und okkulten Szene verbrachte, eine ganze Reihe von Menschen kennengelernt - eine Abzählung derjenigen, die ich als ernsthaft Suchende und seriös Arbeitende kennengelernt habe, ergibt keine zwei Dutzend und ich bin diesen Wenigen noch heute, teils in Freundschaft, verbunden. Der große Rest, dieses Narrenschiff voller Meister und natürlich Großmeister, Erleuchteteten und Auserwählten, Masters mindestens of the universe, wiedergeborenen Pharaonen, Großmagiern, Hexen und Hastenichtgesehen, war allenfalls eine bemerkenswerte Erfahrung in Sachen mentaler Irrungen und emotionaler Wirrungen.
Die esoterische Szene Deutschlands in ihrem okkulten Bereich besteht nach meiner Schätzung zu guten 50% aus selbstgefälligen Soziopathen und zu 30% aus selbstgerechten Schwärmern, man könnte sie der Einfachheit halber auch Spinner nennen. Ich meine, was soll man von Leuten halten, die sich erklärtermaßen mit der festen Absicht tragen, die Menschheit mit der frohen Botschaft in Gestalt der Aufforderung, ihren Willen zu leben, zu beglücken und die zugleich nicht in der Lage sind, ihre unmittelbaren Nachbarn davon zu überzeugen, daß ihr Grüppchen eben keine Ansammlung von psychopathischen Gewalttätern ist? 10% nehmen die Abzocker in Beschlag und lediglich die restlichen 10% kann man den ernsthaft Suchenden zuordnen. In der Esoterik, die sich selbst im Gegensatz und als Abgrenzung zum Okkultismus als weißmagisch definiert, sind die Verhältnisse ein wenig anders gelagert. Zwar würde ich auch hier die Größenordnung der ernsthaft nach Entwicklung Strebenden mit 10% beziffern, allerdings ist der Anteil der Soziopathen mit vielleicht 10% deutlich kleiner - zugunsten der Abzocker, die hier gut und gerne 40% ausmachen. Weißmagisches verkauft sich halt besser und macht stets ein irgendwie kuscheliges Gefühl. Blessed be! Den in der Aufrechnung fehlenden Rest machen die Schwätzer und Spinner aus, weswegen selbst Insidern eine spontane Entscheidung schwerfallen dürfte, ob dieser Text ein tatsächliches Ereignis wiedergibt oder Satire ist. Mich würde es darüberhinaus nicht wirklich wundern, wenn einer der berufsmäßigen Sektenobservateure das eines Tages als Beweis für rituelle Untaten anführte.
Was alle, abzüglich der jeweils 10% ernsthaft Arbeitenden, egal ob schwarz-, weiß- oder sonstwie buntmagisch, gemeinsam haben, ist ihre heftige Abneigung gegen systematisches und strukturiertes Denken und wenn sie sich zu einer denkähnlichen Aktivität entschließen, beschränkt diese sich in aller Regel auf das Artikulieren von Befindlichkeiten sowie auf reines Meinen und Dafürhalten, was dann schlußendlich auf das Reproduzieren entsprechend überstrapazierter Klischees hinausläuft. Ihre selbstbehauptenden Tendenzen manifestieren sich zu guten Teilen im Invertieren der als gegnerisch empfundenen Werte, wobei sehr selten einem der Beteiligten auffällt, daß es - strukturell und phänomenologisch gesehen - dennoch dieselben Werte bleiben. (Die augenfälligsten Beispiele sind das invertierte Christenkreuz oder das invertierte Pentagramm als satanische Symbole.)
In Hinsicht auf ihre notorische, durch Klischeereproduktion zumindest versuchtermaßen kompensierte Argumentationsunfähigkeit, in Hinsicht auf ihre eitle Selbstgefälligkeit und anmaßende Selbstgerechtigkeit bar jeden Zweifels an sich und ihrem Tun, in Hinsicht auf ihre reduktionistische und extrem selektive Sicht der Welt gleichen sich die deutschen Esoteriker und Okkultisten einerseits und die sich zu ihrer Überwachung und Bekämpfung berufen fühlenden "Sektenexperten" wie ein Ei dem anderen. Wie der eine heißt, sieht der andere aus - und sie haben sich gegenseitig verdient. Sie sind beide Teil desselben Problems, das sich am treffendsten mit dem Begriff Gegenaufklärung in des Wortes eigentlicher Bedeutung beschreiben läßt - nämlich als Counterstrategie gegen den aufklärerischen und emanzipatorischen Impuls, den Immanuel Kant in seinem berühmten Text Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? im Jahre 1783 so erläuterte:
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. [Quelle]
Das zu verhindern bzw. rückgängig zu machen ist das Ziel der Gegenaufklärung. Menschen, die sich ohne Leitung eines anderen ihres Verstandes bedienen können, sind ihr ein Greuel und stehen im direktem Gegensatz zu den Interessen der Gegenaufklärer. Deshalb meinen die Amtskirchen, nicht ohne Weltanschauungsbeauftragte und Referate für Weltanschauungsfragen auskommen zu können - man muß sich diese Begriffe einmal auf der Zunge zergehen lassen, um ihre Absurdität so richtig zu "erschmecken". Deshalb kommen die Esoteriker und Okkultisten fast jeder Couleur nicht ohne Auserwählte, Erleuchtete und Erwachte aus, die sich natürlich erheben über all die Primaten, Schizophrenen und Schläfer, wobei es, je nach Gruppe und Schule, diverse Abstufungen auf dem Weg zum Auserwählt- resp. Erleuchtetsein gibt. In Logen- oder ordensartigen Gruppen wird das dann straff hierarchisiert, wobei es dann schon mal passieren kann, daß so ein Grüppchen auf deutlich mehr Ordensgrade kommt als es Mitglieder hat, so daß insgesamt betrachtet ein im Grunde durchaus sinnvolles und aus der Freimaurerei kommendes System der graduierten Entwicklungsarbeit zur einer grotesken Farce der weitestgehend willkürlichen, weil von jeder Qualifikation - außer der zum Gebrauch der Ellenbogen - unabhängigen, Pöstchenschieberei verkommen ist.
Mit meinem Text soll alles Wesentliche gegen Weltanschauungsbeauftragte an sich und prinzipiell gesagt sein - und nichts gegen die Esoterik als solche. Für letztere beschreibe ich eine spezielle Erscheinungsform für Phänomene, die - wie eingangs erwähnt - ein in dieser Ausprägung speziell deutsches Problem darstellen. In den USA gibt es einen großartigen Wissenschaftler wie Ken Wilber, der scheinbar mühelos die Grenzen konventioneller Wissenschaft überschreitet, Großbritannien hat einen Rupert Sheldrake hervorgebracht - in Deutschland haben wir im günstigsten Fall Esotainment a la Fries, im weniger guten Fall grotesk frisierte Kartenleger, von pseudokatholischen Kleinstsekten "legitimierte" Bischöfe und obskure Fratres, die uns mit ihren Mentalergüssen heimsuchen. Ich nehme an, daß eine wichtige Ursache für die so gearteten Zustände im Abreißen der esoterischen Traditionslinen durch die Machteinsetzung der Nationalsozialisten zu finden ist - so, wie das auch für die Traditionslinien der deutschen Kunst und Wissenschaft gilt. In diesem Zusammenhang zerriß auch eine der wesentlichsten, internen Traditionslinien der deutschen Esoterik, nämlich die zur jüdischen Mystik. Es gibt deshalb de facto keine kabbalistische und talmudistische Forschung mehr in Deutschland, und die ist nach meiner Erfahrung und Meinung für die Esoterik unabdingbar erforderlich.
Wie dem auch sei - ich bin der Ansicht, daß die Beschäftigung mit der Esoterik und ihren Erkenntnissen durchaus lohnend und der individuellen Entwicklung, naturgemäß besonders in spiritueller Hinsicht, dienlich sein kann. Ich bin der Ansicht, daß der Esoterik der ihr angemessene Platz im gesamtgesellschaftlichen Diskurs zusteht und den esoterisch interessierten Menschen die daraus resultierende Freiheit zur Beschäftigung mit esoterischem Wissen. Das Problem ist, daß der hierzu erforderliche, gesamtgesellschaftliche Diskurs in Deutschland nur rudimentär existiert und von der Durchsetzung von Einzelinteressen ohne Rücksicht auf Verluste verdrängt wurde, was in der Folge als Partei-, Standes- und anderweitige Strukturinteressen umgedeutete Clanmentalität mit der entsprechenden Konditionierung in autoritären Mustern favorisiert. Diese autoritätshörige Mentalität wird natürlich einerseits in der esoterischen Szene gespiegelt und ermöglicht es andererseits und schlußendlich, daß der Bürger meint, mit den "Erkenntnissen" selbsternannter oder von den Amtskirchen ausgehaltener Weltanschauungsbeauftragter besser bedient zu sein als mit dem Gebrauch seines Verstandes ohne Leitung eines anderen. Diese Muster für sich selbst und in ihren Organisationsstrukturen zu durchbrechen - das ist die Aufgabe aller esoterisch interessierten Menschen, um der Esoterik den ihr gebührenden Platz zu ermöglichen - und das ist nach meiner Sicht der Dinge zugleich die derzeit größte Herausforderung in spiritueller Hinsicht.
Neidthard Kupfer © Januar 2005, updated & reloaded April 2010



