Szeneberichte
Die Pasadena-Story - Jack Parsons & Ron Hubbard
Teil 8: Was lief da wirklich zwischen dem FBI und Parsons?
Teil 8: Was lief da wirklich zwischen dem FBI und Parsons?
Mythen in Tüten - Jack Parsons und Ron Hubbard
Teil 8: Was lief da wirklich zwischen dem FBI und Parsons?
Parsons Persönlichkeit und die damit verbundenen Ansatzpunkte für Ermittlungen des FBI habe ich ausführlich dargestellt. Am 11.12.1941 hatte Deutschland den USA den Krieg erklärt und damit entstand für Parsons Forschungen am Jet Propulsion Laboratory aus der potentiellen eine tatsächliche strategische Bedeutung – woraus sich für die Adminstration die Notwendigkeit der Überwachung aller Forscher ergab, die an neuralgischen Punkten in strategisch bedeutsamen Projekten tätig waren. Das Office of Strategic Services (OSS) und die militärischen Nachrichtendienste waren für Parsons als Zivilist nicht zuständig, die National Security Agency (NSA) gab es damals noch nicht, also fiel Parsons in die Kompetenz des FBI. Das betraf nicht nur Parsons, sondern sehr viele andere Menschen auch, zum Beispiel seinen Kollegen Frank Malina, für den das FBI – in Vergleich zu Parsons - die dreifache, übrigens nicht freigegebene Menge an Aktenmaterial zusammengetragen hat, und Parsons späteren Arbeitgeber Howard Hughes, der es auf 2.027 Seiten – ebenfalls nicht freigegebene – Seiten bringt.
Ein anderer Aspekt ist, daß sich Parsons ausweislich der FBI-Akten positiv zu Kommunismus und Marxismus äußerte. Ich würde Parsons Haltung zum Marxismus eher als kokettieren bezeichnen, er hat sich vermutlich nie ernsthaft damit befaßt, geschweige denn Marx oder Lenin gelesen. Es war eine Zeiterscheinung, der man getrost modischen Charakter zusprechen kann, in den Kreisen der künstlerischen und technischen Intelligenz war eine gewisse Faszination für den Sowjetsozialismus durchaus en vogue, was in erster Linie mit den Erfolgen der Roten Armee gegen das nationalsozialistische Deutschland nach der Belagerung von Leningrad, heute Sankt Petersburg, durch die Wehrmacht und nach der vernichtenden Niederlage der Wehrmacht im Kessel von Stalingrad, heute Wolgograd, zu tun hat. Die Begeisterung ging soweit, daß sich zahlreiche Vertreter der westlichen Intelligenz als Agenten für den NKWD und den GUR, den sowjetrussischen Militärnachrichtendienst, anwerben ließen, die bekanntesten sind Kim Philby, Guy Burgess und Anthony Blunt. Parsons oben beschriebene Neigung, sich mit Menschen zu umgeben, die in den Augen der Admistration geradezu anarchistisch und subversiv wirken mußten, hat das FBI natürlich in der Notwendigkeit seiner Ermittlungsbemühungen bestätigt.
Wenn man sich durch die Akten liest, ist folgendes festzustellen: Die Aktenschreiber und -verwalter des FBI nahmen die Berichte ihrer Ermittler und Zuträger zu Parsons Lebenswandel und seinen sexuellen und okkulten Eskapaden und zu Parsons Verbindung zu Aleister Crowley mal indigniert, mal konsterniert, oft aber auch amüsiert zur Kenntnis – und hefteten sie ab. Ende der Ermittlung. Es wirkt sogar so, als hätte sich bei den Aktenverwaltern des FBI – ähnlich wie beim LAPD – mit der Zeit eine Art Überdruß am Zugang der ewiggleichen Schnurren mit wechselnder Besetzung vorzugsweise der weiblichen Hauptrollen eingestellt.
Weit weniger witzig fand das FBI dagegen Parsons idealisierende Romanze mit sozialistischen, kommunistischen und anarchistischen Ideen, gleichwohl war ihnen klar, daß es eben genau das war – eine ideelle Romanze, das waren schließlich Profis, die ihre Pappenheimer kannten und fürwahr genug zu tun hatten, um sich zu allem Überfluß auch noch aufgeblasene Agentenstories a la Hubbard zu halluzinieren. Also wurde das akribisch notiert und wegsortiert und Parsons selbst mit weiterer Beobachtung in diese Richtung bedacht.
In den Akten sind, das kann in der ersten Datei auf den Seiten 10 und 11 nachgelesen werden, Parsons verschiedene Jobs aufgelistet:
- 1932 – 1934 bei der Hercules Powder Company
- 1934 – 1936 bei der Halifax Explosives Company
- 1936 – 1944 am Jet Propulsion Laboratory des Caltech
- 1941 – 1946 in der Aerojet Engineering Corporation, das war die Firma, die er mit seinen Freunden vom JPL, der sogenannten Suicide Squad gegründet hatte
- 1946 – 1947 bei der Vulcan Powder Company
- 1946 – 1948 bei der North American Aviation Corp.
- 1948 – 1950 bei der Huges Aircraft Company
Diese Auflistung ist für das Verständnis der Situation erforderlich, aus der heraus Parsons sich zu dem Schritt entschloß und den das FBI dann ganz und gar nicht lustig fand. Hubbard war da längst über alle Berge, Parsons war aus der Agape Lodge und dem O.T.O. ausgetreten und wohnte auch nicht mehr in dem Haus 1003 South Orange Grove Avenue, und schlug sich offensichtlich eher schlecht als recht mit irgendwelchen Jobs durch. Die Ereignisse hatten rein gar nichts mit Parsons Lebenswandel, seinen okkulten Ambitionen, irgendwelchen Ritualen oder auch Kernphysikern zu tun, die es in Parsons Umfeld nicht gab. Kurz – sie hatten schlicht nichts mit den vermeintlichen oder tatsächlichen Absichten Hubbards zu tun, die uns die Scientology Kirche in den oben zitierten Dokumenten darlegen möchte - sie tangierten vielmehr die Weltpolitik im Kontext des gerade begonnen Kalten Krieges.
In Parsons FBI-Akte finden wir schon auf der ersten Seite das eigentliche Ermittlungsziel des FBI – Parsons wurde vom Security Officer der Hughes Aircraft Company angezeigt, bei der Hughes Aircraft als geheim eingestufte Dokumente entwendet zu haben:
"Above documents procurred from [Name geschwärzt] on September 25, 1950 by security officer, Hughes Aircraft Company and writer, and placed in custody MAJOR [Name nicht geschwärzt], U.S. Air Force, Hughes Aircraft Company, pending determination security classification. Subject voluntarily came to the Los Angeles office September 27, 1950 and in signed statement admitted removing documents without authority stating he desired to extract certain information from them as aid in computing cost proposal on jet propulsion motors. He planned to submit this with employment application through American Technion Society for employment in the country of Israel. Subject on September 28, 1950 identified photographic copies ofe seventeen documents and same retained in this office as evidence." [31]
Am 26. September 1950 zeigte Parsons sich quasi selbst an, der Security Officer der Hughes Aircraft Company hatte ihn offensichtlich über die Anzeige beim FBI informiert. Am 27. September 1950 fand sich Parsons mit Lampe im Gesicht in den Räumen des FBI in Los Angeles wieder, was heißt, er wurde zum Verhör geladen, das in den Akten charmant als Interview deklariert ist.
"On September 27, 1950, PARSONS was interviewed at the Los Angeles office by SAs [Namen geschwärzt]." [32]
Er plauderte – offensichtlich das Interview als enorme Belastung empfindend – fröhlich drauflos, er war in vollem Umfang geständig und entschuldigte sich anschließend beim FBI und der Nation.
"I knew that the above mentioned material was of a classified nature but it was my intention to select only the cost of equipment and process from at the Hughes Aircraft material to include in my proposal to be submitted to [Name geschwärzt]."
"I now realize that I was wrong in taking this material from the Hughes Aircraft Plant and presenting it to to [Name geschwärzt]. It was not my intent to harm the United States or to allow this material to fall into the hands of an unauthorized person. I know that [Name geschwärzt] was loyal and had been cleared after a security investigation. [Name geschwärzt] was not aware that the material was classified." [33]
In den Akten kann man das ganze Verhör im Wortlaut nachlesen, ich gebe hier die Zusammenfassung der FBI-Agenten wieder und die liest sich folgendermaßen:
"He stated that during approximataly 1948, while employed at the Hughes Aircraft Company, he read certain articles in some technical magazines [...] which pertained to technical development and scientific research in the country of Israel. He stated he became interested in this work which was going on in Israel and that after making a number of inquiries, once [Name geschwärzt] North Hollywood, California, was recommended to him as being able to furnish information regarding the obtaining of employment of this nature in Israel. He stated that in September or October 1949 he contacted [Name geschwärzt] who requested him to prepare a proposal regarding the building of an exploves plant in Israel and conduct research work on in Israel. PARSONS stated he submitted such a proposal to [Name geschwärzt] but heard nothing from him until in August 1950, at which time he again recontacted [Name geschwärzt] and [Name geschwärzt] requested him to submit a new proposal pertaining to the cost of a jet propulsion development program on which PARSONS could do research work in Israel." [34]
Parsons hatte also erwogen, seine unterbrochene Karriere als Forscher für Flugzeug- und Raketenantriebsstoffe in Israel fortzusetzen und als Referenz eine Kostenanalyse für ein entsprechendes Entwicklungsprogramm zu erstellen, wofür er als geheim eingestufte Dokumente bei seinem Arbeitgeber, der Hughes Aircraft Company, unberechtigterweise mitnahm. Eine strafrechtliche Relevanz konnte das FBI offensichtlich nicht erkennen und auf der Downloadseite für Parsons Akten wird der Vorfall entsprechend relativiert (Hervorhebung von mir):
"John Parsons, an employee of the Hughes Aircraft Company in Culver City, California, removed classified documents concerning jet propulsion motors and rocket propellants without authorization. The FBI conducted an espionage investigation which developed no indication that he was acting on behalf of another country." [35]
Die Antwort auf die Frage, wieso sich Parsons ausgerechnet für Israel entschied, liegt auf der Hand: Einerseits sympathisierte Parsons mit Versatzstücken der kommunistischen bzw. sozialistischen Ideologie und der Zionismus war stark von sozialistischen Ideen beeinflußt. Der Philosoph und Mitbegründer des deutschen Sozialismus Moses Hess war Wegbereiter des sozialistischen Zionismus, der Zionismus wurde zum Beispiel auch stark von der Poale Zion, der jüdischen Arbeiterpartei, deren Vordenker der Sozialist Ber Borochov war. [36] Andererseits ist Thelema und Magick nach Aleister Crowley nicht nur sehr stark von jüdischer Mystik, besonders von der Kabbala beeinflußt, sondern ohne diesen Einfluß im Grunde gar nicht denkbar. Deshalb ist für das Verständnis der Crowleyschen Magick eine Beschäftigung mit jüdischer Mystik und der Kabbala zwingend erforderlich. [37]
Das FBI und der Staatsanwalt sahen keine Veranlassung zu einer Strafverfolgung, die einzigen nachweislichen Konsequenzen für Parsons waren der Entzug aller Sicherheitseinstufungen und der Verlust des Jobs bei Hughes Aircraft. Er soll danach als Tankwart gearbeitet haben, das läßt sich aber nicht belegen. Auf mich wirken die Fakten in Parsons FBI-Akte so, als habe Parsons aus derselben Weltfremdheit und Naivität heraus gehandelt, mit der er Hubbard in sein Leben treten ließ und ihm sein Vertrauen schenkte.
Fazit: Die Behauptung der Scientology Kirche in ihren kommentierenden Anmerkungen: "Die FBI-Untersuchungen, die vor dem Kontakt von Herrn Hubbard mit dem O.T.O begonnen hatten, wurden im Anschluß an den Zusammenbruch der Organisation beendet." ist frei erfunden. Der letzte Akteneintrag, den ich in den Dateien fand, datiert auf den 07.02.1952, das heißt, die Ermittlungen wurden mit Parsons Tod abgeschlossen. In Hinsicht auf Frau Webers Feststellung zu "strafrechtlich relevanten Handlungen" - wenn das FBI keinen Anlaß sah, dem Vorfall strafrechtliche Relevanz zuzuweisen, sollte die Scientology Kirche das auch nicht tun, zumal denen diese Fakten vermutlich bis dato gar nicht bekannt waren, sonst hätten sie den Vorfall längst verbraten, um Parsons zu diskreditieren.


