Szeneberichte
Die Scientology-Records
Scientology - Konzern oder Kirche?
Scientology - Konzern oder Kirche?
Scientology - Konzern oder Kirche?
Der Gedanke, ein Themenheft über das Phänomen Scientology zu machen, nahm im Frühjahr 2007 konkrete Formen an. Der Redaktion lagen Berichte vor, nach denen Scientology angeblich "totalitär" sei, "Gehirnwäsche" betreibe und Menschen unterdrücke. Diese Berichte kamen jedoch hauptsächlich aus einer Quelle, nämlich aus der Clique der sogenannten "Weltanschauungsbeauftragten", deren zentrale Figur, ein Herr G. aus Berlin, offensichtlich einen Feldzug gegen Scientology organisiert. Das stimmte uns skeptisch. Also begann die Redaktion zu recherchieren. Wir fragten uns: Was ist dran an den Gerüchten?
Meine erste Berührung mit der Scientology Organisation hatte ich im Jahr 1993. Damals war ich im Vorstand eines Vereins [1] tätig, der sich u.a. sozialen Projekten widmete, eines unserer Projekte befasste sich mit offener Drogenberatungsarbeit. Wir vermittelten für Heroinanhängige Therapieplätze und betrieben einen Spritzentausch. Dort konnten die Junkies gebrauchte Spritzen kostenlos gegen neue tauschen, um der HIV-Infektionsgefahr entgegenzuwirken. Gebrauchte Spritzen hatten in den Drogenbenutzerkreisen plötzlich einen Wert und landeten nicht mehr auf Kinderspielplätzen, wo sie zuvor eine deutliche gesundheitliche Gefahr darstellten. Diese Arbeit wurde in unserer Stadt allgemein als nützlich und unterstützenswert erachtet. Bis zu einem bestimmten Tag. Dies war der Tag, an dem das Gerücht aufkam, ich wäre ein Scientologe. Unterstützt wurden die Gerüchte durch einen Fernsehbeitrag des NDR, in dem unser Verein völlig willkürlich in die Nähe der Scientology gerückt wurde.
Schlagartig änderte sich unsere Situation. Der Eigentümer des Hauses, in dem wir unser Büro hatten, kündigte die Räume, der Vorstand wurde vor ein Tribunal geladen, das aus Funktionären der Diakonie, einem "Sektenbeauftragten" und Mitgliedern einer Anti-Scientology-Bürgerinitiative bestand. In inquisitorischer Manier wurde unser Vorstand "verhört". Dieses hysterische Vorgehen machte mich neugierig. Also besorgte ich mir einen Termin bei der Scientology-Zentrale in Hamburg (damals noch am Steindamm) beim Presseprecher. Wir trafen uns und er beantwortete mir meine Fragen geduldig. Er veröffentlichte sogar eine Stellungnahme der Scientology Kirche, in welcher sie sich deutlich von unserem Verein distanzierte.
Das alles half nichts. Allein das Gerücht, ich sei Scientologe, reichte aus, um unseren gemeinnützigen Verein derart zu isolieren, daß eine Weiterführung der Vereinsarbeit unmöglich wurde. Geldgeber zogen sich zurück, gegen unseren Vorstand wurden Drohungen ausgesprochen, Repressalien machten sich bemerkbar. Wir beendeten die Öffentlichkeitsarbeit, die sozialen Projekte wurden eingestellt und wir widmeten uns anderen Projekten, u.a. wurde ein Arbeitskreis gebildet, der sich der Erforschung spiritueller Konzepte widmete. Dieser Kreis ist noch heute aktiv.
In den Jahren darauf widmete ich mich - neben anderen Themen - auch der näheren Betrachtung des Phänomens Scientology. Ich wollte wissen, warum man, wenn man nur in den Verdacht gerät, Scientologe zu sein, gleich den Status eines Aussätzigen erhält. Aus einiger Entfernung verfolgte ich den Kampf, den Leute wie Caberta, Hartwig, Gandow u.a. gegen die Scientology führten. Mir fiel auf, daß von Seiten der Kritiker dieser Kampf offensiv mit ziemlicher Härte und z.T. verbal unzumutbar geführt wurde, während die Befürworter sich i.d.R. recht besonnen und intellektuell akzeptabel in der Defensive bewegten.
Die nächste Einladung nach Hamburg erfolgte Anfang Juni 2007, anläßlich einer Feier [2]. Unter den ca. 30 geladenen Gästen befand sich auch ein Angehöriger der Unitariervereinigung, ein Herr Wolfgang Deppert, sowie ein AMORC-Rosenkreuzer. Diese beiden waren als Gastredner avisiert. Erstaunlicherweise war auch der Pastor der evangelischen Nachbarkirche unter den Gästen, er stieß sich in seinem Redebeitrag etwas an der Bezeichnung "Kirche" für Scientology, ein Umstand, auf den wir im Verlaufe dieses Heftes noch genauer eingehen werden. Ich war gespannt darauf, wie ich als Thelemit in dem Kreis der "Gläubigen" ankommen würde. Ich hatte ja bislang immer mit Pressesprechern in der Scientology zu tun, und außer einigen Freezonies [3] kannte ich nur wenige Mitglieder der CS [4] persönlich.
Als ich das Scientologische Zentrum in der Domstraße in Hamburg betrat, stellte ich fest, daß ich mal wieder völlig "underdressed" war. Mit Lederhose, Boots und legerem Pulli hob ich mich doch recht deutlich von der Besucherschar ab. Die Anwesenden waren festlich gekleidet, die Herren in schicken Sakkos, die Damen in z.T. eleganten Kleidern, man gab sich halt die Ehre. Der Raum war festlich geschmückt und mit reichlich CS Material ausgestattet.
Nachdem die Redner sich unter Beifall über mangelhafte Religionsfreiheit in Deutschland geäußert hatten, kam man dann bei Lachsschnittchen und Gratisgetränk etwas ins Gespräch. Ich unterhielt mich angeregt mit dem Pressesprecher, Herrn Busch, und er überreichte mir noch etwas Material. So eine kleine, betont neutrale graue Tüte, wie man sie vielleicht auch im Beate-Uhse-Shop bekommt. Mit viel PR drin, aber ohne Schokolade – schade. Hier und da wurde ich noch gefragt, woher ich denn käme, wer ich sei ("Thelemit? Achja... was ist das denn?"), aber niemand wurde in irgendeiner Form aufdringlich oder biederte sich an, ich mußte auch keinen "Persönlichkeitstest" machen :-). Ich war ehrlich gesagt etwas überrascht, daß die Mitglieder, mit denen ich sprach, doch recht uninformiert waren über spirituelle Richtungen, die jenseits des eigenen Tellerrandes lagen.
Mit Herrn Busch verabredete ich weitere informelle Gespräche, mir wurde zugesagt, die CS würde alle Fragen der Redaktion wahrheitsgemäß beantworten und uns auf Verlangen authentisches Quellmaterial zur Verfügung stellen. Auch meine Hinweise auf möglicherweise kritische Fragen wurden durchaus freundlich aufgenommen.
In der darauf folgenden Redaktionskonferenz wurden dann die Kernfragen für unsere Recherche erarbeitet:
1) Woher kommt Scientology? Ist Scientology ein "Kind des neuen Äons"? Hat Hubbard wohlmöglich (über Jack Parsons) Zugang zu thelemitischen Materialien erhalten und diese zur Dianetik-Technologie umkonstruiert?
2) Was ist Scientology? Ist Scientology eine Kirche, ein Konzern oder eine Sekte? Sind die Mitglieder gehirngewaschen, leichtgläubig oder abhängig? Was ist eigentlich ein "Scientologe"?
3) Wie funktioniert Scientology? Wie funktioniert Dianetik? Wie ist die CS organisiert? Was bewirkt die CS in der Welt? Wie finanziert sich die Organisation? Was bietet die CS ihren Mitgliedern?
4) Was spricht für & gegen Scientology? Wer sind Befürworter / Gegner der CS? Wie argumentieren diese jeweils? Welche Fakten jenseits von Behauptungen sind eruierbar?
5) Ist Scientology eine Gefahr? Geht von der CS eine politische, wirtschaftliche und/oder religiöse Gefahr für die Gesellschaft aus? Wie sollte man der CS begegnen?
Um diese Fragen zu beantworten, nahmen wir uns vor, Daten auszuwerten, Quellmaterial zu sichten, Interviews zu führen und uns mit Befürwortern und Kritikern ergebnisoffen auszutauschen. Anfang Juli dann fanden erste ernste Sondierungsgespräche in Albersdorf statt, in den Geschäftsräumen einer befreundeten Firma. Am 09.07.2007 traf ich mich mit Frank Busch, dem Pressesprecher der Scientology Kirche Hamburg. Bei bestem Wetter, lecker Kaffee und Kuchen saßen wir auf der Terasse in Albersdorf und plauschten über Dies und Jenes.
Mein Gesprächspartner präsentierte sich mir als durchaus eloquent, gebildet und ausgesprochen kooperativ. Ein sympathischer Mensch, der hinter "seiner" Sache steht und dem ich attestieren würde, daß er sein Handwerk ernst nimmt und auch versteht. Unser informatives Gespräch dauerte etwa drei Stunden, ich konnte jede Frage stellen, alle meine Fragen wurden beantwortet. In einigen Punkten (z.B. Herkunft der Scientology) waren wir durchaus unterschiedlicher Meinung, jedoch gab es doch auch ideelle Übereinstimmungen, z.B. was die Ähnlichkeiten von Dianetik und Thelema angeht. Herr Busch erläuterte mir in gut nachvollziehbaren Beispielen die Dianetik und das Weltbild der Scientologen. Mir wurde zugesichert, Einblick in bestimmte Dokumente zu erhalten, die für unsere redaktionelle Recherche durchaus von Interesse sind, außerdem erhielten wir die Erlaubnis, für unser Magazin Fotos in Hamburg und Berlin anzufertigen und das uns überlassene Material zu veröffentlichen.
Alles in allem hatte ich den Eindruck, daß die Church an einer informativen Öffentlichkeitsarbeit interessiert ist und sich mehr in Richtung Transparenz bewegt, als das in den Neunzigern der Fall war. Ich finde das richtig und wichtig. Wir vereinbarten noch, daß ich an die Pressesprecher Interviewmails sende, und dann war die Zeit auch schon um. Hatte sich gelohnt, das Gespräch.
Im Januar 2008 kam es dann erneut zu einem Gespräch in Hamburg, in der Domstrasse. Themen waren die Entscheidung des EGMR (05.04.2007) sowie die Belege für Hubbard angebliche "Agententätigkeit" in den Vierziger Jahren. Bei diesem Termin zeigte sich der Presseprecher der Scientology Kirche etwas reservierter, was mich erstaunte. Die erbetenen Beweise für die Behauptung der Scientology Kirche, Hubbard habe in den Vierzigern als Agent für den militätirischen Geheimdienst gearbeitet und den OTO auftragsgemäß unterwandert, fielen mehr als dürftig aus. Ich bekam ein paar schlechte Kopien in die Hand gedrückt, in denen ausgesagt wurde, ein Autor habe Hubbards LAPD-Ausweiskarte gesehen. Nun war es also nicht mehr der Geheimdienst, sondern die Polizei von Los Angeles. Dazu gab es noch ein paar völlig nichtssagende, lückenhafte Kopien aus irgendwelchen Büchern und Zeitungsartikeln. Ich erhielt nicht die Spur eines Beweises. Mir drängte sich der Verdacht auf, daß es die Beweise auch gar nicht gibt. Nachdem klar wurde, daß ich mit diesen Zettelchen nicht von meiner Version der Geschichte um Hubbard und den OTO abweichen würde, kühlte sich das Klima etwas ab. Ich kündigte an, daß ich per mail noch einen Interviewbogen an die Scientology Kirche in Hamburg senden würde.
Weit nach Redaktionsschluß (der extra noch verlängert wurde) lagen dann die Stellungnahmen aus Hamburg und Berlin vor, die wir hier im Heft publizieren. Zu der eingangs gestellten Frage, ob Scientology nun eine Kirche ist oder nicht, bleibt folgendes zu sagen: Scientology definiert sich selbst als Kirche, als Religionsgemeinschaft. Von außen betrachtet bestätigt sich dieser Eindruck, denn die Gemeinschaft gebärdet sich als eine religiöse Gruppe. Man könnte den Eindruck gewinnen, Scientology sei eine Art neoprotestantische Kirche, zumindest gibt sie sich den Anschein einer solchen. Daher verwundert es auch nicht, daß Scientology in den evangelischen Kreisen die meisten und härtesten Gegner hat. Von Seiten der Evangelen fürchtet man schlichtweg die Konkurrenz, denn Scientology bietet den kirchenmüden Protestanten eine glamuröse, poppige Alternative, man gibt sich humanitär, altruistisch und weltoffen. Scientology wendet erhebliche finanzielle Mittel auf, um die Glaubenssätze des L.Ron Hubbard zu publizieren. Trotz eindringlicher Versicherungen seitens des Pressesprechers, Scientology habe alles, was eine Kirche brauche (Codex, Credo, Sakramente) fällt es mir als Betrachter nicht leicht, dieser Ansicht zu folgen. Ich habe mich oft gefragt, ob Scientology nicht erfolgreicher sein könnte, wenn dieses Kirchenbrimborium einfach weggelassen würde. Dagegen sprechen zwei Faktoren, nämlich a) die Vorgaben des RTC [5] und die Notwendigkeit, als religiöse Körperschaft anerkannt zu werden. Das "Kirchenoutfit" ist ein typisch amerikanisches Phänomen, mit dem man in USA sicherlich ungeheuer erfolgreich operieren kann. In Deutschland funktioniert das nicht so gut, denn hier gibt es im Gegensatz zu den USA nämlich Amtskirchen, die sich nicht gern die Butter von der Hostie kratzen lassen.
Im Grunde genommen spricht jedoch nichts dagegen, Scientology als Kirche anzuerkennen. Wenn das RTC sich wirklich diesen alten Schuh für seine angeblich "neue Technologie" anziehen will - bitte sehr. Ich persönlich halte das für nicht besonders intelligent. Nichtsdestotrotz stellt sich hier die Frage, warum die deutschen Behörden die Scientologen so offen in ihrer Religionsausübung (oder was sie dafür halten) behindern.
Am 05.04.2007 fällte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ein Urteil in sachen Scientology Kirche Moskau gegen Russland. Auf dieses Urteil wollen wir hier näher eingehen. Der EGMR hatte sich mit dem Fall befasst, da Russland aufgrund internationaler Menschenrechtsabkommen, der europäischen Menschenrechtskonvention und der OSZE-Schlußakte verpflichtet ist, sich konform zu verhalten. Der Scientology Kirche war in Russland die Eintragung als Religionsgemeinschaft versagt worden, und so zog man vor den EGMR. Die Scientology Kirche gewann den Prozeß. Der Gerichtshof merkte an:
"Das Gericht bezieht sich auf seine ständige Rechtsprechung mit der Maßgabe, dass - wie in Artikel 9 enthalten - die Freiheit der Gedanken, des Gewissens und der Religion eine der Fundamente einer "demokratischen Gesellschaft" im Sinne der Konvention ist. Sie ist in ihrer religiösen Dimension eine der wichtigsten Elemente, die zur Identität der Gläubigen und deren Vorstellung vom Leben beitragen; aber sie ist ebenso ein wertvolles Gut für Atheisten, Agnostiker, Skeptiker und die Uninteressierten. Der mit einer demokratischen Gesellschaft untrennbar verbundene Pluralismus, der über die Jahrhunderte teuer erkauft wurde, gründet auf ihr." (Rz.71.EGMR a.a.O.)
"Während Religionsfreiheit primär eine Angelegenheit der individuellen Überzeugung ist, impliziert sie inter alia auch die Freiheit, '[seine] Rewligion zu bekennen' – ob alleine und privat, oder in Gemeinschaft mit anderen, in der Öffentlichkeit und innerhalb des Kreises jener, dessen Glaubensüerzeugung man teilt. Da Religionsgemeinschaften traditionell in Form organisierter Strukturen existieren, muss Artikel 9 im Lichte von Artikel 11 der Konvention interpretiert werden, welcher das Leben von Vereinigungen vor ungerechtfertigten Eingriffen des Staates schützt. Aus dieser Perspektive gesehen umfasst das Recht von Gläubigen auf Religionsfreiheit – welches das Recht beinhaltet, seine Religion in Gemeinschaft mit anderen zu bekennen – auch die Erwartung, dass es den Gläubigen gestattet ist, sich frei und ohne willkürliche Einmischung des Staates zu Vereinigungen zusammenzuschließen. Tatsächlich ist die autonome Existenz von Religionsgemeinschaften für den Pluralismus in einer demokratischen Gesellschaft unabkömmlich und ist deshalb ein Anliegen des innersten Kerns jenes Schutzes, den Artikel 9 gewährt. Die Pflicht des Staates zu Neutralität und Unparteilichkeit, so wie sie in der Rechtsprechung des Gerichts definiert ist, ist mit jeglicher staatlichewr Befugnis unvereinbar, die Rechtmäßigkeit von religiösen Überzeugungen zu beurteilen." (Rz.72.EGMR a.a.O.)
"Das Recht der Glaubensanhänger auf Religionsfreiheit umfasst auch die Erwartung, dass es der Gemeischaft gestattet ist, sich frei von willkürlicher Intervention des Staates friedlich zu betätigen." (Rz.81.EGMR a.a.O.)
Daraus ergeben sich also folgende konkrete Punkte: Die Rechtsprechung des EGMR bestimmt, daß Staaten und Behörden unter Berücksichtigung des Art. 9 der EMRK nicht erlaubt ist, Glaubensangelegenheiten zu bewerten. Ebenso ist es Staaten und Behörden untersagt, Maßnahmen zu ergreifen, die Behördenvertretern einen diesbezüglichen Beurteilungsspielraum einräumen. Selbst harmlos scheinende Verwaltungshandlungen, welche die Rechte von Religionen einschränken, haben zu unterbleiben. Selbst in Ausübung seiner Reghulierungsmacht hat der Staat in jedem Fall neutral und unparteiisch zu sein.
Gemäß der Rechtsprechung des Bunderverfassungsgerichts kommt den Entscheidungen des EGMR eine Orientierungswirkung zu (NJW 2004, 307 ff.). Zwar ist das Urteil vom 05.04.2007 für Deutschland nicht bindend, da Deutschland nicht prozeßbeteiligt war, jedoch sollen die Urteile des EGMR allen Staaten Alaß geben, ihre Rechtsprechung unter Berücksichtigung der Urteile des EGMR zu überprüfen und ggfs. Sich daran zu orientieren. Meyer-Ladewig schreibt in NJW 2005, 15,18 ff. dazu:
"Die EMRK in der Auslegung durch den EGMR gilt im Range eines förmlichen einfachen Bundesgesetzes und muss insoweit von der rechtsprechenden Gewalt beachtet werden."
Solche Dinge scheinen die deutschen Behörden nicht zu berühren. So z.B. unterhält der Hamburger Senat nach wie vor eine Dienststelle, die eifrig damit befasst ist, Gemeinschaften, die für sich in Anspruch nehmen, sich religiös oder weltanschaulich zu betätigen, zu bewerten. Das Ergebnis ist nicht selten übelste Propaganda, die von dieser Dienststelle vertrieben wird. Buchautoren, wie eine gewisse Frau C., nutzen dienstliche Daten, um in ihren Büchern über Religionsgemeinschaften "aufzuklären". Diese Aufklärung jedoch ist ebenfalls nichts weiter als übelste Hetze. Man mag über die Scientology denken, was man will, aber was sich der deutsche Staat hier leistet, steht fern jeder Diskussionswürdigkeit. Von Pluralismus, Neutralität, Unparteilichkeit fehlt hier jede Spur.
Besonders Frau C. Führt stets auf Neue die Bezeichnung "totalitär" im Munde, wenn sie über die CS spricht. Das ist in höchstem Maße vermessen und zeugt davon, daß diese Dame keine Ahnung hat, was dieser Begrif bedeutet (es sei denn, sie nimmt Mißverständnisse hier billigend in Kauf). Wer so argumentiert, muß vorsichtig sein, daß seine eigenen Worte sich nicht irgendwann gegen ihn wenden...
Es mag ja angehen, daß die Church of Scientology sich als Kirche gebärdet, um für ihre Inhalte eine breitere Akzeptanz zu schaffen. Aber in dem Moment, in dem die Mitglieder dieser Gruppe sich als Kirche formieren und auch als Kirche auftreten und handeln, sind sie nunmal eine Kirche. Und der Staat und seine Organe haben nicht das Recht, die "Qualität" der religiösen Inhalte zu bewerten. Wenn Journalisten und Medienvertreter sich um solche Sachverhalte kümmern, ist das eine andere Sache, die wegen der Freiheit der Presse völlig in Ordnung ist.
Wenn z.B. ein Bistum einen Sektenbeauftragten bestallt, um die "Konkurrenz" im Auge zu behalten, dann ist das eine Sache, die hinnehmbar ist. Aber was der Hamburger Senat in seiner Machtposition als staatliches Organ hier veranstaltet, ist nicht hinnehmbar.
Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern.
In diesem Sinne sollte man auch die Mitglieder der CS sehen. Es sind (jeder für sich) sicherlich liebenswerte Menschen, die ihren Weg für sich definiert haben. Auch wenn dieser Weg sich von unserem persönlichen Weg unterscheidet, so haben wir keine absolute Gewißheit darüber, ob er im Sinne einer konsequenten, wahrhaftigen Selbsterschaffung mehr oder weniger sinnvoll ist, als der Unsere. Wer also gibt den staatlichen Organen in unserem Land das Recht, über diese Individuen zu urteilen? Wer gibt ihnen das Recht, die Angehörigen dieser weltanschaulichen (vielleicht religiösen) Gruppe als gehirngewaschene Idioten hinzustellen, die einem größenwahnsinnigen, totalitären Führer (dem Leiter des RTC) bedingungslos folgen, um quasi die "Weltherrschaft" zu erringen? Ist das Streben nach organisatorischer Größe, die Missionierung des eigenen Glaubens nicht ein Kennzeichen jeder Religionsgemeinschaft? Gibt es eine Religionsgemeinschaft die nicht so operiert?
Gleichgültig, ob die CS nun nach allgemeinem gesellschaftlichen Konsens eine Kirche ist oder nicht – nach der Selbstsicht ist sie es. Und sie hat ein Recht darauf, öffentlich als eine solche anerkannt zu werden. Man muß einen Glauben nicht teilen, um ihn tolerieren zu können...
Anmerkungen:
[1] Verein "Die Goldene Kette e.V." (VR Rendsburg 1993)
[2] Anlaß war ein Entscheid des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte über eine Beschwerde der Scientology Rußland, der die Eintragung als religiöse Gemeinschaft wiederholt verweigert worden war (Beschwerde Nr. 18147/02). Dem Antrag der Scientology war in dem Urteil stattgegeben worden, das Verhalten der russischen Justizbehörden bezeichnet als: " [...] nicht in gutem Glauben gehandelt und ihre Verpflichtung zur Neutralität und Unparteilichkeit gegenüber der Religionsgemewinschaft des Beschwerdeführers vernachläsigt [...]" (Rdn.97 d. Urteils)
[3] Als "Freezonies" bezeichne ich Menschen, die Dianetics anwenden, jedoch nicht der Scientology Kirche angehören
[4] Das Kürzel "CS" werde ich im Verlauf dieses Heftes als Abkürzung für "Church of Scientology" einsetzen.
[5] RTC=Religious Technology Center; die Vermarktungszentrale der Scientology. Dort werden alle Belange, Scientology und Dianetik betreffend zentral verwaltet (corpotate identity) und gleichgeschaltet, ähnlich wie es die "Company" bei McDonalds macht.



