Thelema
Was ist Thelema?
Zum Vorwurf, Thelema sei totalitär
Zum Vorwurf, Thelema sei totalitär
Totalitarismus ist immer zugleich auch diktatorisch und/oder faschistisch (der Umkehrschluss trifft nicht per se zu) und da beides Thelema zutiefst und auf absolut unvereinbare Weise widerspricht, kann es natürlich auch nicht totalitär sein. Es ist viel mehr so, dass Aleister Crowley - wie ich oben darstellte - das aus der Gnostik stammende und im Gnostizismus zum Dogma gewordene, potentiell totalitäre Element entfernte, indem er die Idee von den Seelenteilen in sein Konzept gleichwertiger Entwicklungspotentiale in jedem Menschen in Gestalt des Menschen der Erde, des Liebenden und des Einsiedlers transformierte und als thelemitischen Weg formulierte.
Warum wird der Vorwurf, Thelema sei totalitär, immer wieder erhoben? Ich weiß es nicht, ich vermute, weil er von denjenigen, die es tun, für ein "schlagendes Argument" gehalten wird. Ein Beispiel: Ich las derlei zuletzt in P.R. Königs Äußerungen in "Satan - Jünger, Jäger und Justiz", wo König, von Huettl nach seinem "Einstieg in die okkulte Welt" gefragt (Seite 156f.), sich zu der bemerkenswert sinnfreien Äußerung verstieg, er habe von seiner Mutter "eine tiefsitzende Abscheu gegenüber totalitären Lebenssystemen" geerbt. Man lasse sich das auf der Zunge zergehen - "totalitäre Lebenssysteme"! Wenn Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili aka Stalin das lesen könnte - endlich hat mit dem Herrn P.R. König einer begriffen, dass seine Todesherrschaft, die geschätzte 30 Millionen Menschen das Leben kostete, eigentlich ein "Lebenssystem" war. Auf Seite 187f. läßt es der P.R. König in Sachen Totalitarismus richtig krachen:
"...Diese Konzeption des O.T.O. als ein auf einen Führer ausgerichteten Bund zeigt sich durchweg in der Betonung von Symbolen und Ritualen, im Personenkult und in einer gemeinhin romantisch-irrationalen Selbstdarstellung. Das Totalitäre findet sich theoretisch auch in der gewünschten Transzendierung Thelemas... Nichtsdestotrotz gebärden sich die heutigen Führer der verschiedenen O.T.O.-Variationen immer noch als Tyrannen... Wehe, es wagt jemand, dem Tyrannen zu widersprechen, dann werden anonyme Informanten herangezogen, es findet eine Art Anhörung ohne Zeugen statt und der Übeltäter bekommt keinen Anwalt zur Verteidigung... Untere Grade lässt man jammern, privat oder in den Internetforen, oder wo auch immer, und ignoriert sie... Und was passiert mit den Schuldig-Gesprochenen? Wird man auf dem Scheiterhaufen verbrannt? Nein, nein. Man wird aus dem O.T.O. verstoßen. Mehr passiert nicht. So ähnlich ist es im Sommer 2006 geschehen. Etliche Hochgradmitglieder, die seit 20 Jahren im Caliphat sind, wagten es, öffentlich Breezes Leitung des O.T.O. zu kritisieren. Und prompt wurde ihnen nahe gelegt, auszutreten."
So lustig kann Totalitarismus also sein, wenn man P.R. König heißt. Ich weiß nicht, warum König, Christiansen, Gandow und wie sie alle heißen, das tun. Aber ich weiß, was sie damit tun.
Mit dem Historikerstreit 1986 und 1987 und später stärker noch nach der sog. Wende kam eine fatale Neigung zum inflationären Gebrauch der Charakterisierung aller möglichen Strukturen als totalitär in Mode. Die Ausweitung des von Giovanni Amendola geprägten und von Hannah Arendt in "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" wissenschaftlich ausgearbeiteten Begriffs auf diverse andere politische Strukturen wie den real existierenden Sozialismus z.B. in der nachstalinistischen Sowjetunion oder der DDR wurde - daran entzündende sich im Sommer 1986 der o.g. Historikerstreit - wurde und wird vorzugsweise von der politischen Rechten betrieben, um der "Entsorgung der deutschen Geschichte", wie Hans-Ulrich Wehler das nannte, Vorschub zu leisten. Er wurde de facto zum Lieblingsbegriff der sog. Neuen Rechten, die so viele totalitäre Regime und Strukturen ausmachte, dass in ihrer Argumentation schlussendlich der deutsche Nationalsozialismus nichts mehr war, dem besondere historische Bedeutung zukäme.
Wer auf diesem Phänomen Trittbrett fährt, um andere zu diffamieren und herabzusetzen, wer - wie diverse der sogenannten Weltanschauungsbeauftragten - den Begriff vom Totalitarismus wider besseres Wissen benutzt, um religionsideologische und kirchenpolitische Süppchen zu kochen, macht sich zum Wasserträger der Rechten. darüber hinaus bedeutet diese Beliebigkeit aus Opportunitätsgründen von der Opferseite her betrachtet, die Leiden der Opfern der KZs, Gulags und Killing Fields zu banalisieren.
Einige Worte zur Erläuterung, ich halte mich in meiner Argumentation strikt an die von Hannah Arendt geschaffene Begrifflichkeit und Bewertung. Es gab in der Geschichte exakt drei totalitäre Systeme, das waren der deutsche Nationalsozialismus, der sowjet-russische Stalinismus und das kambodschanische Khmer-Regime unter Pol Pot.
Es gibt vier Hauptkriterien für totalitäre Regime:
Das wichtigstes Kennzeichen ist die Intention und der Vorsatz zur und die Umsetzung der eleminatorischen Selektion, denn der Totalitarismus intendiert die physische Vernichtung der Feinde. Zu diesen Feinden werden vom Totalitarismus willkürlich selektiv ganze Bevölkerungsgruppen gemacht.
Ein anderes, zentrales Kriterium ist die Tatsache, dass der Totalitarismus ein geschlossenes System mit einer geschlossenen Ideologie voraussetzt.
Das dritte Kriterium ist die, wie Hannah Arendt es formulierte, "Zweckwidrigkeit" totalitären Terrors. Faschistischer Terror bzw. dessen Repressionsmaßnahmen verfolgten mit der Ausschaltung politischer und weltanschaulicher Gegner konkrete Ziele und waren somit von Zweckgebundenheit gekennzeichnet. Faschistischer Terror folgt den Maßgaben politischer Opportunität. Nationalsozialistischer Terror hingegen ist in der Wahl der Opfer absolut willkürlich und lässt sich nicht an Zweckkriterien im herkömmlichen Sinn festmachen. Der Begriff "Zweckwidrigkeit" selbst ist zwiespältig: denn die zweckwidrigen Lager, stehen offenbar doch im Interesse des totalitären Staates. Er braucht sie, auch wenn dafür auch kein nationalökonomischer Zweck gefunden werden kann, er benötigt Lager und Terror gewissermaßen existentiell - zur Transformation der menschlichen Natur. Ein rationaler Zweck dieser Transformation jedoch läßt sich nicht fassen, in ihr selbst liegt bereits aller Sinn totaler Herrschaft.
Schließlich ist für den Totalitarismus die Über- bis Hyperstrukturierung der Organisation kennzeichnend. Totalitäre Systeme schaffen in ihrer Entstehungsphase Abbilder, quasi Duplikate existenter, gesellschaftlicher Strukturen und und stülpen mit der Machtergreifung (oder für Deutschland der Machtübergabe) diese Abbildstrukturen über die bisher existenten.
Nichts davon trifft auch nur annähernd auf Thelema zu, nichts davon ist auch nur ansatzweise implizit intendiert oder explizit formuliert. Der Vorwurf kann Thelema nicht treffen. Er ist eine unverschämte Verhöhnung der Opfer totalitärer Systeme.
Abschließende Anmerkung
Bei der Betrachtung des Menschen Aleister Crowley, seiner Verdienste und seiner Fehler, seiner Stärken und seiner Schwächen, seiner Größe und seines Versagens, sollte der historische Kontext, in dem Crowley lebte und agierte, nicht ausgeblendet werden, dasselbe trifft auf etliche seiner Werke zu. Ich habe mich bemüht, dem Rechnung zu tragen.



