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Thelema
Was ist Thelema?
Übermenschen, Höherentwickelte und Gottwerdenwollende
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Was ist Thelema?
Übermenschen, Höherentwickelte und Gottwerdenwollende
Übermenschen, Höherentwickelte und Gottwerdenwollende
Um es ebenso deutlich wie drastisch zu formulieren - ich halte die Idee vom sogenannten "Übermenschen" für den so ziemlich gefährlichsten, die von der angeblichen Höherentwicklung für den so ziemlich einfältigsten und die von der Gottwerdung des Menschen für den so ziemlich selbsterniedrigendsten Unfug, der menschlichem Denken je entsprungen ist. Es ist grundsätzlich falsch, sich der Begriffe "Übermensch" und "Untermensch" zu bedienen und einer Entwicklung zu einem "höheren" Wesen das Wort zu reden, denn das erste Gesetz Thelema lässt schlicht keinen Raum für solcherart selektive Differenzierung. Da steht Jeder Mann und jede Frau ist Stern. Punkt. Keine Bedingung, keine Voraussetzung, keinerlei Konditionen. Da steht nichts von Sternen die bunter oder heller leuchten als andere, von solchen die höher oder tiefer stehen.
Nichtsdestotrotz spukt der Blödsinn unvermindert virulent durch die Köpfe zahlreicher Zeitgenossen, von denen sich einige auch als Thelemiten sehen, wobei gerne auf den Nietzsche referenziert wird, um auf die Wurzeln der Ideologie vom "Übermenschen", die natürlich per se einen "Untermenschen" impliziert, zu verweisen. Doch diese Wurzeln sind sehr viel älter - sie gehen zurück auf die Gnostik, die ihre Wurzeln im vorantiken Zoroastrismus hat. Aus dem und dem hellenistisch-jüdischen Umfeld entstand um 100 vdZ. die christliche Gnostik, der bekannteste Schriften die Apokryphen des Johannes und die Texte von Nag Hammadi sind, bei deren bloßer Nennung der ordentliche Esoteriker verzückt die Augen zu verdrehen hat. Gegen Ende des 2. Jh. uZ. begann dann das Elend, das sich wie ein Retrovirus in Teilen der westlichen Geistesgeschichte und Spiritualität festgesetzt hat. Ein gewisser Valentinus, der als Wegbereiter der gnostischen Systeme gilt, machte sich allerhand Gedanken, was neben wirklich bemerkenswerten Ergebnissen wie beispielsweise dem, dass das liebe Herr Jesulein zwar aß und trank, aber keine Verdauung hatte, eine gnostische Schule nach sich zog - die Valentinianer. Ihr entsprang die sog. "Valentinianische Abhandlung", in der die Lehre von drei Seelenteilen begründet wurde, die sich schnell verselbständigte und zum gnostischen Dogma gerann. Die Gnostik verlor, massiv von der Kirche unter Druck gesetzt, ab dem 400 Jh. drastisch an Bedeutung, kehrte aber im frühen 18. Jh. als Gostizismus zurück. (Ich halte mich da an den angelsächsischen Sprachgebrauch, wo sich der Terminus "gnosticism" auf diese mystisch-esoterische Reanimation bezieht.) Und da sich Geschichte bekanntermaßen wenn überhaupt, dann als Farce wiederholt, hüpfen heute "Gnostiker" durch die esoterischen Gefilde, die eher gut und gerne als Hauskasper jedes beliebigen Intrigantenstadls durchgehen. Die Lehre von den Seelenteilen allerdings wurde als Quasi-Ideologie im Gnostizismus reanimiert und hielt in der Folgezeit Einzug in weite Teile der Esoterik und des Okkultismus. Namentlich in der Theosophie schlug sich das nieder und von dort fand sie über Guido von List, der sie mit suprematistischen Elementen vermischte, und Lanz von Liebenfels, der sie mit Rassismus und Antisemitismus "anreicherte", ihren Weg zu Sebottendorf und zur Thule-Gesellschaft - und zu Hitler und Himmler.
Die Ideologie von der Seelenteilung basiert auf einigen Grundannahmen, die sind im wesentlichen: Es gibt eine böse materielle Welt als böööse Schöpfung des/der superbösen Demiurgen, es gibt die gute Schöpfung des lieben und deshalb obersten Schöpfergottes und der hat in seiner unendlichen Güte im Menschen einen - was sonst - göttlichen Funken abgelegt. Mensch hat nun sein Leben damit zu verbringen, diesen Funken, den der liebe Gott, um das nicht zu einfach zu machen, natürlich verborgen hat, zu erkennen, sonst droht lebens- und todeslanges Ungemach dergestalt, dass Mensch der bösen materiellen Welt verhaftet bleibt. Natürlich sind nicht alle Menschen dazu gleichermaßen qualifiziert und deshalb ist nicht jedermann dazu imstande, weshalb der liebe Schöpfergott es so eingerichtet hat, dass es mit den Pneumatikern Menschen gibt, in denen die Funken des Göttlichen so richtig dolle leuchten, und dass es mit den Psychikern Menschen gibt, die zwar auch, aber auch bloß und nur Gläubige sind, denen deshalb die wahre Erkenntnis verschlossen bleibt, so sehr sie auch gnostizieren. Shit happens quasi. Und schließlich gibt es die Hyliker, das sind die ewig im rein Materiellen verhafteten, da leuchtet nix und nie was und für die gibt's auch nichts zu finden.
Alle Weiterungen im (nicht nur, aber für uns hier interessanten) esoterisch-okkulten Bereich inkl. des Menschenbildes der sog. "Welteislehre" lassen sich auf dieses ebenso banale wie leider auch effiziente Modell der Seelenteilung zurückführen. Es kam, wie gesagt, über Blavatsky, List, Liebenfels und Sebottendorf zu Himmler und Hitler, versetzt mit Suprematismus, Rassismus und Antisemitismus. Dieses Funkensuchen, das sog. Höherpolen, soll den "neuen" Menschen resp. das "höhere Wesen" erschaffen. Das Dumme ist nur, das ganze Menschengruppen per se und Definition von der Höherentwicklung ausgeschlossen sind, die Ideologie der Seelenteile ist selektiv differenzierend und hat damit ein totalitäres Grundelement, das in der o.a. modifizierten Weise zur Grundlage des Totalitarismus wurde, also dessen, was die NSDAP und die SS ins Werk setzten.
Aleister Crowley war vom Gnostizismus und der Theosophie recht stark beeinflusst und hat diverse Elemente der beiden Strömungen adaptiert und weiterentwickelt. Er wusste offensichtlich um die der gnostischen Ideologie innewohnende Gefahr und einer seiner ganz großen Verdienste ist es, dem Modell von der Seelenteilung das selektiv differenzierende Element genommen und es zu seinem Modell vom Menschen der Erde, dem Liebenden und dem Einsiedler transformiert zu haben, das die drei Ebenen als gleichwertige Entwicklungspotentiale in jedem Individuum anlegt, was dann mit I/3 korrespondiert. Das ist schlicht genial, Crowley hebelte - ohne dass er es zu jener Zeit als solches gekannt oder gar benannt haben konnte - das totalitäre Element komplett aus und läßt den ideellen Kern des Entwicklungspotentials dabei nicht nur unbeschadet, sondern entwickelt ihn darüber hinaus als thelemitischen Weg weiter.
Was das ebenso denk- wie merkwürdige Bedürfnis nach Gottwerdung bzw. Vergöttlichung des Menschen angeht – da sollte eigentlich ein Vers aus dem Liber L. vel Legis zur Kommentierung genügen: I am alone: there is no God where I am. [II/23] (Ich bin allein: da ist kein Gott wo ich bin.) Tut es aber leider nicht, diese seltsame Form, der Selbsterniedrigung spukt ebenso lange durch die Köpfe der Menschen wie der Unfug von der Seelenteilung. Deus est Homo – besonders grotesk finde ich die offensichtlich völlig unreflektierte Annahme dieses Spruchs bei jenen, die einerseits die Existenz des Christengottes leugnen oder ihm zumindest seine Existenzberechtigung als solcher absprechen wollen, auf der anderen Seite aber so wie er sein und/oder an seine Stelle treten zu wollen. Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Blablabla...
Wenn man auf eine sinnvolle Kombination der Worte "homo" und "deus" erpicht ist, dann sollte man sich an Ludwig Feuerbach und seine Schrift "Das Wesen des Christentums" aus dem Jahr 1841 halten: Homo homini deus est - Der Mensch ist der Gott des Menschen (oder auch Der Mensch soll für den Menschen zum Gott werden). Feuerbach drückt damit aus, dass der Mensch die angeblich "göttlichen" Eigenschaften und das Ziel seines Handelns nicht in Gott und nicht über sich, sondern in sich selbst und seinen Mitmenschen suchen soll und finden wird – womit wir beim Willen ut libera wären und bei Thelema.



