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Thelema
Was ist Thelema?
Woher kommt Liber L. Vel Legis und was ist es?
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Was ist Thelema?
Woher kommt Liber L. Vel Legis und was ist es?
Woher kommt Liber L. Vel Legis und was ist es?
Über die Herkunft des Liber L. vel Legis (Liber CCXX) wird gerne und in epischer Breite spekuliert. Tatsache ist, dass Aleister Crowley es in den Tagen 8., 9. und 10. April 1904 jeweils um 12.00 Uhr mittags beginnend niederschrieb. Er will es von einer Wesenheit namens Aiwass per Diktat empfangen haben. Crowley selbst schien sein Werk, möglicherweise wegen der Art der "Zustellung", nicht geheuer gewesen zu sein, jedenfalls ließ er es einige Jahre unbeachtet liegen, bis er sich 1909 zur Veröffentlichung entschloß. Alle weiteren Mutmaßungen – ob Crowley das Werk gechannelt oder als Vision empfangen haben mag, ob tatsächlich Aiwass in der Ecke stand oder ob das nur seine Frau Rose war, ob Crowley unter Drogen stand oder nicht – halte ich für müßig, weil sie eh zu keinem sicheren Ergebnis führen.
Tatsache ist, dass das Liber L. vel Legis einerseits eine inspirierte Schrift ist, was man freilich von vielen anderen Schriftwerken auch sagen kann, und dass es andererseits eine apokalyptische Schrift ist, wovon es nicht allzu viele gibt. Landläufig wird unter Apokalyptik die Niederschrift bzw. Verkündung von Weltuntergangsvorstellungen oder Endzeitprophetien verstanden, das ist aber bis zum Bedeutungsverlust ungenau. Apokalypse geht auf das griechische apokálypsis zurück, das sich - gebildet aus apó, was "von", "weg" bedeutet, und dem "verhüllen", "verdecken" meinenden kalýptein - von apokalýptein herleitet. Somit heißt Apokalypse zunächst nicht Untergang oder Weltende, sondern Offenbarung, Enthüllung, Aufdeckung der Wahrheit.
Ein Enthüllen der Wahrheit setzt eine verborgene Wahrheit voraus, also eine Wahrheit, die zwar da ist, aber nicht zutage tritt, die geheim und nicht öffentlich ist und der Offenbarung resp. Aufdeckung bedarf. Warum dies so ist, kann viele Gründe haben. Man mag sie nicht sehen wollen, sie könnte vergessen oder verdrängt sein, sie ist möglicherweise schwer oder gar nicht erträglich oder sie übersteigt das Maß der an Vernunft gebundenen Einsicht. Möglicherweise aber sie ist gefährlich oder sie ist eine Sache der Verfolgten, Minderheiten oder Wenigen.
Im Gegensatz zur Methodik der Wahrheitsfindung in der westlichen Tradition von Platon bis Habermas ist die apokalyptische Wahrheit nicht das Ergebnis eines wie auch immer gearteten Diskurses, sondern sie ist in der Tradition des jüdisch-christlichen Synkretismus ein dramatisches Geschehen, dessen tragende Motivation nicht die Vernunft ist und dessen Ergebnis nicht von im Diskurs Agierenden bestimmt wird. Die apokalyptische Wahrheit geht sozusagen aufs Ganze, sie greift tief in die Essentials der Geschichte, mit denen den Menschen ihr letzter und angemessener Platz zugewiesen wird. Wohl auch deshalb wirkt das apokalyptische Reden der Wahrheit roh, unkontrolliert, radikal und niemals begrifflich, sondern in Kaskaden von niemals ad hoc plausiblen, aber dafür um so poetischeren und magisch-ästhetischeren Bildern berichtend, dabei alternierend zwischen den den Extremen menschenmöglicher Gefühle - zwischen Rache, Haß, entfesselte Wut, bestialische Grausamkeit einerseits und Liebesbezeugungen, leidenschaftliche Hingabe und Opferbereitschaft andererseits.
Diese apokalyptische Sprache drückt sich, formallogisch betrachtet, in All-Operatoren aus: Sie durchläuft in Hinsicht auf den Inhalt die Summe aller Ereignisse, die in quantitativer Hinsicht als Adressaten alle früher, jetzt und künftig Lebenden umfassen. Bei Johannes zum Beispiel bedeuten die sieben, seine Botschaft empfangenden Gemeinden aufgrund der Vorstellung von der Sieben als eine die Vollständigkeit aller Zahlen enthaltende Ziffer alle überhaupt denkbaren Empfänger. Die apokalyptische Sprache ist esoterisch und exoterische zugleich.
Nun mag sich der interessierte Leser fragen, was für Wahrheiten denn da enthüllt bzw. verkündet worden seien. Nehmen wir ein Beispiel, das in den Kontext der hier vorliegenden Darstellung passt - das erste Gesetz Thelema - Every man and every woman is a star. [I/3]. Um den geradezu revolutionären Charakter dieser Verkündung zu verstehen, muß man sich die historische Situation jener Zeit vergegenwärtigen - nachfolgend zwei Beispiele. An eine Gleichberechtigung geschweige denn Gleichstellung der Frau gegenüber bzw. mit dem Mann war nicht im Ansatz zu denken - es gab kein Wahlrecht für Frauen. Wenn sie es überhaupt durften, arbeiteten Frauen für einen Bruchteil des Lohnes der Männer, Frauen waren auch rechtlich in Nachteil. Eine Frauenbewegung begann sich in ersten Ansätzen zu formieren, 1893 mit der Gründung des International Council of Women, in Deutschland 1894 mit der Gründung des Bundes deutscher Frauenvereine (BDF), 1903 gründete sich Großbritannien mit der als "Suffragetten" bekannt gewordenen Women's Social and Political Union die erste radikal-bürgerliche Frauenbewegung, daneben entstand die sozialistische Frauenbewegung, der bekannteste Vertreterin Clara Zetkin war. Und in dieser Zeit des ersten Aufbruchs der Frauenbewegung im Industriezeitalter verkündet Aleister Crowley Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern.
In jener Zeit standen die Kolonialimperien auf dem Höhepunkt ihrer Macht - und ihrer Grausamkeit. Auf dem Höhepunkt befand sich beispielsweise die als "Kongogräuel" in die Geschichte eingegangene, extrem brutale Ausbeutung inklusive massenhafter Verstümmelungen und Hinrichtungen, mit der die Kongolesen zur Sammeln und Abliefern des Naturkautschuks gezwungen wurden - denn 1891 war der aufblasbare Gummireifen patentiert worden. Im Ergebnis dieses von der belgischen Kolonialmacht inszenierten Horrors ist die kongolesische Bevölkerung zwischen 1884 und 1911 um mehr als 10 Mio. Menschen zurückgegangen. Um die geistige Grundhaltung in den Industriestaaten zu illustrieren - ich habe vor geraumer Zeit ein gymnasiales Geographie-Lehrbuch, Band Völkerkunde für das Abitur, aus dem Jahr 1912 gelesen. Es gab da nur eine vollwertige Nation, und zwar die Deutschen. Mit ein bisschen Abstand kamen dann als fast gleichwertig die Briten, die allerdings krämerisch und materiell seien, weil ihr "Volkskörper vom Judentum zersetzt" gewesen wäre, wofür der Premier Benjamin Disraeli (ein großer Politiker übrigens) und die englischen Zweige der Mendelssohn- und Rothschild-Familien als "Beweis" herhalten mußten. Der Rest war mehr oder weniger minderwertig nach der Faustregel, je weiter südlich und je weiter östlich, desto weniger wert. So waren "der Russe" und der Afrikaner, dort stand allerdings synonym für alle Afrikaner "der Neger", nur unter strenger Aufsicht zu sinnvoller Arbeit fähig und lungerten ansonsten faul und meistens betrunken in der Gegend herum. Das stand so fast wörtlich in deutschen Lehrbüchern. Das war 1912 Abiturwissen, es war nicht nur die Meinung völkischer Parteigänger, sondern Bildungsstandard und Mainstream. Und in dieser Zeit des zügellosen Rassismus verkündet Aleister Crowley Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern. Was anderes als die offenbarende Verkündung einer Wahrheit ist das? Einer Wahrheit, die so alt ist wie die Menschheit selbst, nämlich die von der Gleichheit aller Menschen per Natalität und Moralität, die zugleich mit der Sternenmetapher der Pluralität Ausdruck gibt und die aus staats- und kirchenpolitischen Opportunitäten und Wirtschaftsinteressen verborgen, verdrängt und unterdrückt war. Ich denke, diese Beispiele sollten genügen.



