Thelema
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Monotheismus & Thelema
Monotheismus & Thelema

Opium für das Volk
Einige vergleichende Anmerkungen zu den abrahamitisch-monotheistischen Religionen im Bezug zu Thelema. Hier soll versucht werden, aufzuzeigen, warum THELEMA keine Religion im theologischen Sinne sein kann und warum ein Vergleich deshalb nicht zulässig ist.
Es wird oft versucht, THELEMA als eine Religion bzw. Pervertierung einer Religion öffentlich dazustellen. Das ist jedoch grundlegend falsch. Zwar sind in der apokalyptischen Schrift des LIBER LEGIS Götterbilder erwähnt, doch rufen diese keinesfalls zu einem verbindlichen Glaubensbekenntnis auf. Viele Kommentatoren erliegen in der Beurteilung des Liber Legis nun der Versuchung, die 220 Verse im Kontext ihres eigenen religiösen Bezugsrahmens zu sehen, was zwangsläufig zu einer völlig verzerrten Betrachtung führen muß.
Juden- und Christentum sind -wie auch der Islam- monotheistische Religionen, die ihre Wurzeln auf den Stammvater Abraham zurückführen. Erste Anfänge des Monotheismus sind bereits durch Amenphis IV. (Echnaton) ca. 1350 b.c.t. gelegt worden, als er die Sonnengottheit Aton zum alleinigen Gott machte, etwa aus dieser Zeit stammen auch die ersten Erwähnungen des Namens "Jahwe". In Palästina bildete sich einige Jahrhunderte später der Jahwe-Kult, aus den Judentum, Christentum und schließlich auch der Islam hervorgingen.
Info: JHVH und ALLAH - ein Gott?
Im Tanach ist JHWH der exklusive Name für Israels Gott. Er findet sich aber auch in der altorientalischen Umwelt als Gottesname, verkürzte Formen auch als theophorer („gott-tragender“) Bestandteil von Personennamen. Eine ägyptische Ortsnamensliste im Amontempel von Soleb aus der Zeit von Amenhotep III. (1402-1363 v. Chr.) nennt „das Land der Schasu-JHW“. Auch in der Zeit Ramses III. (1198-1166) taucht dieser Ausdruck auf. Er bezeichnete sowohl ein Gebirge im südlichen Ostjordanland als auch den Gott der dort lebenden Beduinen. Auf Tontafeln (Ostraka) von Ugarit taucht ein Gott JW als „Sohn des El“ auf. Die Mescha-Stele (um 840 v. Chr.) gilt als ältester außerbiblischer Beleg für das Tetragramm: Und ich nahm die Gefäße des JHWH und trug sie vor Kemos. Auch ein kürzlich gefundenes Tablett mit den phönizischen Zeichen YOD, HE, W, HE gibt einen Gottesnamen wieder. Die frühesten Belege des Namens aus Palästina stammen aus dem 8. Jahrhundert v. Chr.: Ein Priestersiegel trägt die Inschrift Dem Miqnejaw, dem Knecht JHWHs gehörig. Auf einer Grabinschrift bei Lachisch steht Gesegnet sei Urijahu von JHWH. Beide Personennamen enthalten eine Kurzform des Gottesnamens. [...] Wo die Israeliten diesen Gottesnamen kennenlernten, ist ungewiss. Einige alte Bibelstellen legen eine Übernahme von nomadischen Nachbarstämmen nahe. Denn nach Ex 3,1 EU begegnete Mose JHWH „im Lande Midian“ am „Berg Gottes“, hier „Horeb“ genannt. So hieß in der deuteronomischen Geschichtsschreibung der Berg Sinai, an dem nach Ex 19-24 die große Offenbarung der Tora stattfand (s.u.). Die Lage dieses Berges ist unbekannt. Er wurde erst in christlicher Zeit im Süden der heute nach ihm benannten Sinai-Halbinsel lokalisiert und heißt im Arabischen Dschebel Mosa (Moseberg). Am benachbarten Dschebel Serbal wurden Inschriften der Nabatäer von etwa 100 v. Chr. gefunden, die ein altes Wallfahrtsheiligtum belegen, zu dem Nomaden von weit her zogen. (Quelle: wikipedia.de)
Der Stammvater Abraham (islam.: Ibrahim) gilt als der gemeinsame Religionsstifter, nach neuesten Erkenntnissen ist sein Wirken um ca. 1000 b.c.t. wahrscheinlich. Mit dem Erscheinen des Propheten JHShVH (Jesus/Isa) kommt es zur Spaltung im Judentum; das Christentum, welches Jesus als den "Sohn Gottes" betrachtet, entsteht. Von den Juden wird dieser Umstand bestritten. Christentum und Judentum greifen gemeinsam auf die religiösen Codices des Alten Testaments ( Tanach, bestehend aus Pentateuch, Bücher der Propheten und Schriften) zurück, die Christen haben das neue Testament (bestehend aus den Evangelien und apostolischen Schriften) hinzugefügt, das z.T. die mosaischen Gesetze des Pentateuch aufhebt. Während die Christen dem Propheten Jesus einen messianischen Einfluß zuschreiben, weisen die Juden dies zurück, sie erwarten noch heute die Ankunft ihres Messiahs.
Im Jahr 571 c.t. wird der Prophet Mohammed geboren, er empfängt vom Erzengel Gabriel apokalyptischeVisionen, die später in den 114 Suren des Koran zusammengefasst werden. Zu einer Zeit, als der Glaube in der noch jungen Christenheit institutionalisiert und mit glaubensfremden Elementen angereichert wurde, bildete sich der Islam als orientalischer Gegenpol, der sich -ausgehend von seinen ebenfalls semitischen Wurzeln- zu einer völlig anderen Interpretation eines monotheistischen Kultes entwickelte. Viele seiner Regeln und Vorschriften entsprangen direkt dem kulturellen Umfeld des Propheten und sind bis heute traditionell erhalten, nicht zuletzt, weil es im Islam keine "Kirche" als Institution gibt. Hierin gleicht der Islam eher dem Judentum und weicht erheblich vom christlichen Glaubensbild ab.
Der Islam teilt nicht die christliche Auffassung von der göttlichen Trinität, er beginnt seine Zeitrechnung am 16.Juli 622 c.t.. Jesus gilt im Islam zwar gewissermaßen als "cooler Prophet", besitzt aber keine zentrale Stellung. Die christliche Auffassung von der Trinität Gottes basiert weitgehend auf den früchchristlichen, hellenistisch-orthodoxenen Einflüssen und ist -ebenso wie die vom Isiskult kopierte Marienverehrung- nicht Bestandteil der Lehre Jesu. Auch die katholische Lehre von Himmel und Hölle wird man in den Büchern Mose vergeblich suchen. So drifteten die drei großen monotheistischen Lehren mehr und mehr auseinander und stehen sich in der moderne z.T. feindlich gegenüber (zumindest in den jeweiligen fundamentalistischen Ausprägungen).
Trotz aller Unterschiede haben die drei großen abrahamitischen Religionen eines gemeinsam, nämlich ein zentrales Gottesbild, das die höchste religiöse Autorität darstellt. Der Gott ist allumfassend, eine übergeordnete Autorität, und der Mensch hat dem göttlichen Willen zu folgen, um Erlösung zu finden. Seit 1965 erkennt auch die katholische Kirche nach langem Zögern den Islam als monotheistische Religion gleichberechtigt an.
„Mit Hochachtung betrachtet die Leitung der Kath. Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft.“
Zweites Vatikanum (28. Oktober 1965); Nostra Aetate/Teil 3
"[...] Alle Worte sind heilig und alle Propheten wahr; ausgenommen nur, daß sie wenig verstehen; [...]"
Liber Legis I/56
Es wird nun -wie gesagt- oft versucht, THELEMA aus dieser Perspektive heraus zu betrachten. Es ist nicht verwunderlich, daß Thelemiten aus dieser Sichtweise heraus als "ungläubig", "widergöttlich" oder gar "satanistisch" wahrgenommen werden, da das Liber Legis aus einer völlig anderen, einer Metaperspektive heraus das spirituelle Verhältnis des Menschen zum Kosmos offenbart.
Im Liber Legis sind Gott und Mensch nicht -wie in den Religionen- getrennt, sondern bilden eine Einheit. Thelema betrachtet das göttliche Bewußtsein als eine Art fraktales Gebilde, das mit jedem seiner Teile -wie oben, so unten- permanent kommuniziert. Das Ergebnis, die individuelle Wahrnehmung dieser Kommunikation, bezeichnen Thelemiten als den "wahren" oder "freien" Willen. Für den Thelemiten ist das Universum, der Kosmos, ein zeitlich und räumlich unbegrenztes Wesen, das in alle Raumzeitkonfigurationen wahlfrei kommunizieren kann.
In den abrahamitischen Religionen hat das Individuum vergleichsweise eher die Stellung einer Körperzelle in Relation zum Bewußtsein. Der Gebieter erläßt die Gesetze, und der Körper hat -bis in die letzte Zelle- zu folgen. Der Mensch (hier z.B. vergleichbar mit der letzten Zelle eines Fußnagels) hat nicht das Recht, das Bewußtsein (Gott) zu manipulieren, umgekehrt jedoch schon. Dies ist die "Einbahnstraße" der Religionen, eine Beschränkung, die das Liber Legis nicht unkommentiert läßt:
"Nichts ist ein geheimer Schlüssel dieses Gesetzes. Eins und sechzig nennen es die Juden; ich nenne es acht, achtzig, vierhundert + achtzehn."
"Aber diese haben die Hälfte: vereinige mit deiner Kunst, so daß alles verschwindet"
Liber Legis I/46 & 47
In der Folge geht das Liber Legis mit den Leitbildern der Religionen auch hart ins Gericht:
"Mit meinem Falkenkopf hacke ich nach den Augen Jesu wie er da an dem Kreuz hängt"
"Ich schlage meine Flügel in das Gesicht Mohammeds und blende ihn"
"Mit meinen Klauen reiße ich das Fleisch des Inders und des Buddhisten, Mongolen und Din heraus."
"Bahlasti! Ompehda! Ich spucke auf eure jämmerlichen Credos"
Liber Legis III/51-53
Natürlich klingen solche martialischen Aussagen in den Ohren der Angehörigen der monotheistischen Religionen feindlich und bedrohlich, sie stellen eine Blasphemie dar. Eigentlich müßte das gar nicht so sein, denn wenn der Gott, der da verehrt wird, in der angebeteten Form existiert, dann sollte ihn das in seiner Allmacht nicht scheren, was der Gesandte Aiwass da proklamiert.
Auffällig ist an den Religionen, daß sie dazu neigen, den Menschen getrennt von Gott darzustellen und es ihm nahelegen, äußere Umstände als "Wille Gottes" zu deklarieren. Kirchen und andere Religionsgemeinschaften unterstützen dies noch, so daß es in den letzten Jahrhunderten zu einer Art der "organisierten Verantwortungsabgabe" kam, welche die Menschheit nicht selten in grausame Kriege verwickelt hat. Zuviele menschen wurden in den letzten 2000 Jahren 2im Namen Gottes" getötet, vertrieben, diskriminiert.
Mit der Offenbarung von THELEMA als Gesetz zum Beginn des Horus Äons wurde dem eine realistische Alternative entgegengestellt. Die Gesetze von Thelema befreien vom Joch der Gottgefälligkeit, denn sie mahnen zur Übernahme der vollen Verantwortung für das eigene Handeln. In der thelemitischen Gesellschaft ist der Mensch nicht Untertan, sondern ein Teil Gottes. Keine Kirche, keine Priesterkaste hat das Recht, dem Idividuum vorzuschreiben, wie sein Verständnis des göttlichen Prinzips auszusehen hat. THELMA verbietet den Glauben nicht, vielmehr stellt es ihn auf ein solides Fundament der Verbundenheit. Kein Thelemit ist gezwungen, einem Credo zu folgen, das er nicht mit vollem Herzen unterstützen kann. Er muß nicht fürchten, daß er deshalb vom göttlichen Prinzip ausgeschlossen wäre oder Strafen zu erdulden hätte.
"[...] Die Zurschaustellung der Unschuld ist eine Lüge. Sei stark, o Mann, genieße, finde Gefallen an allen Dingen der Sinne und des Entzückens: fürchte nicht, daß irgendein Gott dich hierfür abweise."
Liber Legis II/22
Die Wahrnehmung eines göttlichen Prinzips kann nur und ausschließlich subjektiv und individuell erfolgen. So diese Wahrnehmung Gottes nicht gerade auf einem Zustand von Schläfenlappenepillepsie beruht, ist der Mensch darauf angewiesen, sich selbst ein Bild von Gott zu erschaffen, denn die Zeiten der brennenden Dornbüsche sind vorbei. Die Zentrale Erkenntnis, die zur Erschaffung Gottes führt, bringt Aiwass, der Übermittler des Liber Legis im 89. Vers auf den Punkt:
"Ich bin allein: da ist kein Gott wo ich bin."
Liber Legis II/23
Der Mensch ist demnach so oder so auf einen selbsterschaffenen Gott angewiesen. Da ist es nur konsequent, wenn er sich als Thelemit dazu auch bekennen kann, indem er sagt: "Gott ist, was ich von ihm wahrnehme, nämlich: Ich selbst." Was der Mensch nicht wahrnimmt, ist in seiner Welt nicht vorhanden. Jeder Mensch auf diesem Planeten erschafft seine Welt in jedem Moment neu, resultierend aus den aktuellen Erfahrungen, Erinnerungen, Wahrnehmungen und Hypothesen, die ihm sein Gedächtnis, sein Wahrnehmungsapparat und seine Imagination liefern. Eine von diesen Faktoren unabhängige Existenz eines göttlichen Wesens ist niemals nachgewiesen worden. Aus diesem Grunde ist es nur recht und billig, ein zentrales göttliches Wesen zu ignorieren bzw. abzulehnen.
Wenn "Gott" die Summe aller möglichen Wahrnehmungen, aller möglichen Erfahrungen, aller möglichen Zustände ist, dann bietet allein die thelemitische Ethik uns die nötige Grundlage, hieraus einen Gott nach unserem Bilde zu erschaffen. Nur, daß eben der Thelemit sich diesem "Gott" verbundener fühlt, als z.B. der Christ, der Jude oder der Moslem, denn derThelemit kann den Gott in sich selbst akzeptieren. Er braucht ihm nicht ehrfürchtig am Boden kriechend entgegenzutreten, er muß ihn nicht in gewaltigen Sakralbauten suchen, er muß ihn nicht durch Taten beeindrucken, von denen er annimmt, sie geschähen im Einklang mit diesem "Überwesen". Der Thelemit kann es akzeptieren, daß sein Universum ein kreativer Akt eigener Schöpfung ist, für den er nicht jemandem danken muß, der außerhalb von ihm existiert.
Ein Thelemit ist ein lebendiger Teil Gottes, nicht sein Diener, sein Untergebener, nicht der arme Sünder, der nur durch Gottes Vergebung zu innerem Frieden und Erlösung finden kann. Der Thelemit kann sich selbst vergeben, er kann sich selbst erziehen, er kann seinen ethischen Handlungsrahmen selbst definieren.
Aus diesem Grund ist das Liber Legis im Kern auch kein religiöser Codex, sondern eine apokalyptische Schrift, die dem Leser die unendliche Fülle seiner Möglichkeiten offenbart. Es gäbe nun einzuwenden, daß im Liber Legis auch gewisse Handlungsanweisungen zu finden sind, die sich dogmatisch bzw. im liturgischen Sinne auslegen lassen. Doch sind diese Sentenzen auf einer subalternen Ebene angesiedelt, über ihnen steht in jeden Falle das höchse Gesetz: TU WAS DU WILLST.
Thelema ist -wie bereits festgestellt- absolut individuell. Es gibt also keine alleinseligmachende Weisheit, keine Rechtfertigung für missionarischen Eifer, kein "Willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag ich Dir den Schädel ein". Thelemit werden, heißt nicht, einem Glauben abschwören. Thelemit werden heißt nicht, einen Glauben durch einen anderen ersetzen. Thelemit werden heißt, sich seiner Verantwortung vor sich selbst und dem Rest der Welt bewußt werden. Thelemit sein heißt, den Glauben des anderen respektieren, auch wenn man ihn nicht teilt.


