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Die Semiotik des Liber Legis
Die Semiotik des Liber Legis
Überlegungen zur Semiotik im Liber Legis anhand der Philosophie Derridas
„...dieser ausgeprägte Unterschied ... läßt sich schreiben oder lesen, aber er läßt sich nicht vernehmen.“ (DERRIDA, Die différance)
„Orginally titled Liber L, it was later retitled Liber AL (also pronounced el)...“
Dies regt zu weiterem Nachdenken an. Präliminarisch: HEGELs Semiologie – DERRIDAs Kritik – DERRIDAs Schriftbegriff – Das Liber L vel Legis.
HEGELs System gilt als die Vollendung der Metaphysik; in ihr müssten sich also alle wesentlichen Merkmale des Logo-, Phono- und Ethnozentrismus einfinden. DERRIDA ist dem nachgegangen. Ich gebe ihn im wesentlichen wieder, mit einigen Zusätzen von meiner Seite.
HEGELs Semiologie fällt in den dritten Teil der Encyclopädie, Die Philosophie des Geistes (als der Idee, aus ihrem Anderssein in sich zurückzukehren, §18), Erste Abtheilung: Der subjective Geist (in der Form der Beziehung auf sich selbst, §385), C. Die Psychologie (der in sich bestimmte Geist, als Subject für sich, §387), a. Der theoretische Geist, b) Die Vorstellung, bb) Die Einbildungskraft.
Indem die Metaphysik das Sein als Präsenz bestimmte, konnte sie das Zeichen nur als Übergang behandeln. Es ist in eine Escha- und Teleologie eingeschrieben. Die Selbstpräsenz des absoluten Wissens und das Bewußtsein des Beisichseins im Logos, im absoluten Begriff, werden nur für die Zeit eines Umweges, die Zeit eines Zeichens von sich abgelenkt. Die Theorie des Zeichens bei HEGEL gehört folgerichtig zur Wissenschaft jenes Moments, in dem die Idee in sich selbst zurückkehrt. Das Zeichen ist eine Bewegung des Selbstbezuges der Idee im Element des Geistes, ein Modus des Beisichseins des Absoluten.
Soma, sema. – HEGEL hat diese Formel auf das Zeichen übertragen: – die Pyramide, in welche eine fremde Seele versetzt und aufbewahrt ist. (EWP, §458)
Die Theorie des Zeichens öffnet eine Differenz von Signifikat und Signikant, die der Differenz von Intelligiblen und Sinnlichen entspricht, und erfüllt somit die klassische Forderung nach einem transzendentalen Signikat. (Das jedes Signifikat auch die Rolle eines Signifikanten spielen kann hat, nebenbei bemerkt, auch WHITEHEAD in Kulturelle Symbolisierung behauptet.) Essentielles Charakteristikum ist die Arbitrarität des Zeichens (die Pyramide, in welche eine fremde Seele versetzt ist...) Die Produktion der Zeichen offenbart die Freiheit des Geistes. Der Ort der Semiologie ist daher die Psychologie (s.o.). Eine allgemeine Semiologie in eine Psychologie einschreiben kann man aber nur, wenn man das phonetische Zeichen priviligiert und zum Hauptvertreter aller anderen Zeichen macht. Aber genau das ist HEGELs Gestus:
Die Anschauung als unmittelbare zunächst ein gegebenes und räumliches enthält, insofern sie zu einem Zeichen gebraucht wird, die wesentliche Bestimmung, nur als aufgehobene zu seyn.
Die Aufhebung des Raumes aber ist die Zeit. (EWP, §257)
– so ist die wahrhaftere Gestalt der Anschauung, die ein Zeichen ist, ein Daseyn in der
Z e i t , – der T o n, die erfüllte Aeußerung der sich kund gebenden Innerlichkeit. (EWP, §459)
Die Buchstabenschrift – sie ist nur eine weitere Fortbildung im besondern Gebiet der Sprache, die nur im Vorbeygehn erwähnt werden muß – bezeichnet die Töne, besteht aus Zeichen der Zeichen, so, daß sie die concreten Zeichen der Tonsprache, die Worte, in ihre einfachen Elemente auflöst, und diese Elemente bezeichnet; sie ist – im Gegensatz zur Hieroglyphenschrift u.a. – an und für sich die intelligentere. (EWP, §459)
Das Sprechen erhält sein Privileg gegenüber der Schrift, und die phonetische Schrift gegenüber allen anderen, insbesondere gegenüber der hieroglyphischen und mathematischen; das bedeutet Ethnozentrismus. Das Supplement der Schrift bedeutet Verschüttung eines riesigen – des der graphischen Substanz – Feldes. Anzumerken ist außerdem, daß es keine rein phonetische Schreibweise gibt bzw. geben kann. Das Privileg des Sprechens führt zur Illusion der unmittelbaren Präsenz des Begriffs. Das Zeichen als Zeichen wird invisibel.
– Nach DERRIDA müssen nun die (semiologischen) Begriffe im Rahmen der Semiologie selbst verändert, verschoben, gegen ihre Voraussetzungen ausgespielt werden, in andere Ketten neu eingeschrieben und das Arbeitsgebiet nach und nach umgestaltet werden, um auf diese Weise neue Konfigurationen zu erzeugen. Einen epistemologischen Einschnitt wird es dabei nicht geben.
Zum Beispiel können wir „uns des Begriffs des Zeichens nicht entledigen, wir können auf seine metaphysische Komplizenschaft nicht verzichten, ohne gleichzeitig die kritische Arbeit, die wir gegen sie richten, aufzugeben und ohne Gefahr zu laufen, die Differenz in der Identität eines Signifikats mit sich selbst auszustreichen... das System in Frage stellen: zuallererst die von Sinnlichem und Intelligiblem. Denn das Paradox dabei ist, daß die metaphysische Reduktion des Zeichens der Entgegensetzung bedurfte, die sie reduzierte.“
(Es darf in Parenthese vermerkt werden, daß sich das eben Gesagte auf alle Begriffe der Metaphysik ausdehnen läßt. So wissen wir zum Beispiel, daß ARISTOTELES, als er fragte ob die Zeit zu den onta gehöre, deshalb eine verfehlte Frage stellte, weil das Seiende bereits als anwesend-seiend bestimmt wurde. Daher bei HEIDEGGER die Zeit nicht mehr ausgehend vom Sein gedacht wird, sondern umgekehrt die Zeit als dasjenige, von dem aus das Sein des Seienden sich anzeigt. War es nicht HEIDEGGERs Erfahrung in Sein und Zeit, so fragt DERRIDA, daß es einen vulgären Zeitbegriff gar nicht gibt: „Der Zeitbegriff gehört in allen Teilen zur Metaphysik und nennt die Herrschaft von Anwesenheit beim Namen. Daraus ist zu schließen, daß das ganze System metaphysischer Begriffe in ihrer Geschichte durchgehend die sog. Vulgarität dieses Begriffs entwickelt (was Heidegger bestimmt nicht bestritten hätte); aber auch, daß sich ein anderer Zeitbegriff nicht als sein Gegensatz behaupten läßt, gehört Zeit doch zur metaphysischen Begrifflichkeit [sic]. Bei dem Versuch diesen anderen Begriff hervorzubringen, würde man schnell gewahr daß man ihn nur mit Hilfe anderer metaphysischer oder onto-theologischer Prädikate konstruiert.“ HEIDEGGER schließt Sein und Zeit mit der Frage, ob die ursprüngliche Zeit den Horizont des Seins ermögliche und ob sie zum Sinn des Seins führe. Aber „bleibt nicht der Gegensatz von ursprünglich und abgeleitet metaphysisch? Ist nicht die Frage nach der arché überhaupt, wie vorsichtig dieser Begriff auch immer eingeschränkt werden mag, die wesentliche Operation der Metaphysik? Gesetzt den Fall, es gelänge ... ihn von jeder anderen Herkunft abzuheben, gäbe es nicht schon einigen Platonismus in dem Verfallen? ... Es ließen sich noch viele Fragen in Zusammenhang mit dem Begriff der Endlichkeit als dem Ausgangspunkt in der existenzialen Analytik des Daseins stellen, die sich durch ihre rätselhafte Nähe des Fragenden zu sich oder durch seine Identität mit sich rechtfertigt, und so weiter.“)
Das Supplement der Schrift muß aufgehoben werden: die in Frage stehende Dissymmetrie darf allerdings nicht einfach umgedreht werden, wie MARX im Falle von HEGEL getan, sondern Gleichursprünglichkeit ineins mit einem neuen Schriftbegriff – DERRIDA nennt ihn gramma oder différance – gesetzt werden.
DERRIDA hat die wesentlichen Prädikate in einer minimalen Bestimmung des klassischen Schriftbegriffes herausgearbeitet und meint – wie er an Hand der performatives und der Signatur aufzeigt – sie auf Sprache allgemein anwenden zu können: 1. Ein Zeichen bleibt bestehen, erschöpft sich nicht in der Gegenwart seiner Einschreibung und bietet die Möglichkeit zur Iteration. 2. Es enthält die Kraft eines Bruches mit seinem Kontext. 3. Dies hat seinen Grund in der Verräumlichung, die das Zeichen konstituiert. – Die strukturelle Möglichkeit, dem Referenten oder Bezeichneten entzogen zu werden, die Iterierbarkeit, die es ihm nie gestattet, Identitätseinheit für sich zu sein, macht jedes Zeichen zu einem Graphem, das heißt zur nicht-anwesenden Übriggebliebenheit eines differentiellen, vom Ursprung abgeschnittenen Zeichens.
Schlagen wir die Brücke zum Liber Legis.
Eine erste Annäherung bestünde wohl darin, aufzuzeigen, inwiefern Aiwass sowohl seine Gegenwart beim Diktat als auch das Supplement der Schrift, den traditionellen Gestus der Metaphysik, aufhebt. An Material mangelt es nicht. Ich begnüge mich mit diesem Hinweis (nicht ohne anzumerken, daß das Liber L hierin DERRIDA nähersteht als HEIDEGGER: zwar wertet H. die Handschrift, das Manuskript, auf – fällt aber im selben Moment der Kritik D.s am Phono- und Logozentrismus anheim), um die Aufmerksamkeit auf ein anderes Moment zu lenken.
Mir scheint (aber urteilen wir nicht zu voreilig), daß das Liber L, si fas est, sich am Rande der Schriftlichkeit befindet (oder einen über DERRIDA hinausgehenden Schriftbegriff erfordert). Wenn die chance shape der letters (III/47) selbst zum Zeichen wird – dann sind sie nicht mehr iterierbar, sondern nur noch reproduzierbar: im Faksimile. Ich will diese Überlegung an einem Beispiel veranschaulichen. Man werfe einen Blick auf das erste „Wort“ des II. Buches, Seite 21 (ich wähle dieses Beispiel aus Gründen der besseren Nachvollziehbarkeit). Typographisch könnte man es mit expound wiedergeben – iterieren. Damit geht eschrmd, was dort ebenfalls zu lesen ist, verloren. Sicher, man könnte – im Typoskript – beides wiedergeben. Aber damit gehen andere mögliche Lesarten verloren. Die Iteration setzt eine gewisse Selbstidentität des Zeichens voraus, die seine Erkennbarkeit und eine Wiederholung gestattet. Die bezeichnenden Elemente des Liber L wären also nicht iterierbar – nicht weil sie polysemisch sind, sondern weil sie (man gestatte mir diese Wortbildung) polygraphem(at)isch sind.
K.L.
[Diese Notiz (oder kurze Überlegung, denn mehr ist es nicht) wurde durch die Entscheidung der Thelema-Society, den Titel Liber AL abzulehnen, inspiriert. Anzumerken ist, daß mich die AHA vom Feb/März nie erreicht hat (vermutlich wegen meines Umzuges), so daß 1. meine Kenntnis davon allein auf dem Leserbrief der darauffolgenden AHA beruht und 2. mir die Argumentation MDEs (immer noch) unbekannt ist.]
Zitate und Paraphrasen nach:
Derrida, Die différance (in: Randgänge der Philosophie)
Ders., Ousia und gramme. Notiz über eine Fußnote in Sein und Zeit (Randgänger)
Ders., Der Schacht und die Pyramide. Eine Einführung in Hegels Semiologie (Randgänger)
Ders., Signatur Ereignis Kontext (Randgänger)
Ders., Semiologie und Grammatologie. Gespräch mit Julia Kristeva (in: Positionen)
Ders., Geschlecht (Heidegger)
Heidegger, Sein und Zeit
Hegel, Encyclopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse



